Anni Tanner nimmt jeden Tag, wie er kommt, und schaut darum auch mit 104 Jahren mit Zuversicht in die Zukunft. ⋌dag
29.10.2026 10:09
Wenn man sich weigert, alt zu werden
Anni Tanner aus Bischofszell hat in jungen Jahren den Plan gefasst, nicht als alte Frau zu sterben. Ob dieser Plan aufgegangen ist oder nicht, darüber lässt sich streiten. Es sei denn, Alter soll nur mit einer Zahl ausgedrückt werden. Weil dann wäre das Unterfangen der 104-Jährigen definitiv gescheitert.
Bischofszell Wer über 100 Jahre alt wird, ist auch in der heutigen Zeit noch etwas Besonderes. Wer aber mit 104 Jahren noch in der eigenen Wohnung lebt, selbst kocht, täglich einen Spaziergang macht und Bescheid weiss über das gesellschaftliche Geschehen, der ist so etwas wie ein Einhorn, wie ein Fabelwesen. Doch Anni Tanner sieht dies etwas anders, wohl auch, weil ein stattliches Alter nie zu ihren Lebenszielen gehörte – ganz im Gegenteil sogar: «Als ich eine junge Frau war, fasste ich den Entschluss, dass ich nicht als altes Weib sterben will.»
Dank ihrem Sohn Peter und Schwiegertochter Elisabeth, die im selben Haus wohnen, sowie regelmässigem Besuch ihrer acht Enkel- und acht Urenkel, scheint es der Rentnerin aber auch im Alter an nichts zu fehlen. Und dass ihr Knie gelegentlich etwas schmerze, das sei wohl in ihrem Alter etwas ganz Normales, meint Anni Tanner: «Ich bin an einem schönen Ort zu Hause und mir geht es gut. Darum nehme ich jeden Tag einfach, wie er kommt.»
Geprägt vom Krieg
Anni Tanners Leben wurde stark durch den Zweiten Weltkrieg geprägt. Denn obwohl sie in Sitterdorf geboren und bis zu ihrem sechsten Lebensjahr dort gelebt hatte, erlebte sie die Kriegsjahre nicht aus einer Aussenperspektive: «1928 hat mein Vater Emil Gschwend seinen Hof verkauft und wir sind nach Graz ausgewandert. Er wäre eigentlich gerne nach Amerika gegangen, doch das Geld hat nicht gereicht.»
Sie seien in Österreich sehr gut und herzlich aufgenommen worden. Auch habe es schon viele Schweizer vor Ort gegeben. Und obwohl es ihr Vater mit allen Nachbarn gut gehabt habe, sei er doch immer darum bemüht gewesen, die Verbindung zu den Wurzeln nicht zu verlieren: «Er sorgte immer dafür, dass meine beiden Schwestern und ich einen Schweizer Pass hatten. Nur darum konnte ich im Herbst 1945 in die Schweiz einreisen.»
Eigentlich sei damals nicht geplant gewesen, längere Zeit in Bischofszell zu verbringen. Doch Anni Tanner blieb den Rest ihres Lebens, arbeitete zuerst als Mädchen für alles und gründete dann eine Familie. Doch ihre Heimat sei noch heute Graz: «Die Menschen lebten einfach mehr miteinander. So ist es zumindest in meiner Erinnerung.» Dies sei sicherlich auch wegen des Krieges so gewesen, denn Not schweisse zusammen, sagt Anni Tanner: «Die Menschen waren richtig aufeinander angewiesen. Alleine hätte es niemand geschafft.»
Anni Tanner mag sich an viele Details aus der Kriegszeit erinnern. Vor allem Ereignisse gegen Ende des Krieges, als die Front in unmittelbarer Nähe war, sind ihr noch geläufig: «Wir hatten den Luftschutzkeller des Dorfes unter unserem Haus. Gab es einen Fliegeralarm, dann sind alle zu uns gekommen.» Für diesen Schutzkeller habe man Felsen aus dem Hang herausgesprengt, an dem ihr Zuhause gestanden sei. Und obwohl der Schutzkeller öffentlich war, konnten doch nicht alle aufgenommen werden, die sich dort gerne in Sicherheit gebracht hätten: «Unsere Kühe haben die Bomben von der Front auch gespürt. Sie sammelten sich dann immer in der Nähe des Stalls und wollten hinein.»
Als Anni Tanner dann kurz nach dem Krieg alleine nach Bischofszell kam, fand sie eine Anstellung als Serviertochter und Hausmädchen. Mit ihrem ersten Lohn von rund 40 Franken schickte sie dem neuen Landeshauptmann der Steiermark, Machold, ein Geschenk - eine Dose Nescafé. «Viele andere hatten noch weniger als wir. Und ich hatte einfach das Gefühl, der muss noch einen Kaffee haben», erinnert sie sich. Und obwohl sie niemals damit gerechnet hätte, fanden bald darauf Dankesworte den entgegengesetzten Weg zu ihr: «Den Brief habe ich heute noch. Denn durch ihn wirst du daran erinnert, was für Persönlichkeiten es damals gab.»
Rundum zufrieden
Dass Anni Tanner ein zufriedener Mensch ist, drückt sie nicht nur mit ihren Worten, sondern auch mit ihrer Ausstrahlung aus. Sie schmunzelt häufig, lacht gerne und ist die Ruhe selbst. Und wenn man sie fragt, woher das rühre, dann hat sie eine klare Antwort: «Mir geht's gut. Was will man mehr?»
Auch die 104 Lebensjahre wären ihr nicht anzumerken, wenn sie nicht aus ihrem Leben erzählt. Und obwohl sie gerade während des Krieges einiges mitgemacht hat, ist da kein Spürchen von angestautem Frust zu vernehmen: «Einige sind nur am Reklamieren und Nörgeln – doch was bringt's?» Und sie weiss auch ganz genau, dass sie einer Gruppe von Menschen angehört, von denen es immer weniger gibt: «Heute gibt es nicht mehr viele Menschen, die den Krieg selbst erlebt haben. Und auch die Kolleginnen und Kollegen, mit denen man früher verkehrt ist, sind nicht mehr da.»
Obwohl da kaum mehr Menschen aus ihrer Generation sind, nimmt sie dank ihrer liebevollen Familie und einer natürlichen Lebensfreude noch immer am gesellschaftlichen Leben teil. Sie liest Zeitungen, schaut gerne Quizsendungen im Fernsehen und kocht für sich selbst. Und sie ist informiert, denn just am Tag des Besuches hat sie wie viele andere auch unerfreuliche Post erhalten: «200 Stutz mehr für die Krankenkasse in einem Vierteljahr – spinnen die?»
Und auch die blaue Zeitung lese sie, was wohl doch etwas dabei half, sie von einer Berichterstattung über sich zu überzeugen. «Das Grossgedruckte lese ich immer zuerst», meint sie und erinnert damit den Berichterstatter daran, die Titelgebung nicht zu vernachlässigen. Dann wähle sie die Geschichten aus, die ihr passen, und beginne zu lesen. «Und wenn es mit der Lesebrille nicht mehr geht, dann nehme ich einfach die Lupe zur Hilfe oder lasse es ganz sein», meint Anni Tanner. Sie nimmt jeden Tag, wie er kommt. Erfreut sich der schönen Dinge und erduldet die weniger schönen mit einer durch Dankbarkeit beeinflussten Gelassenheit. Sie ist zufrieden, komme, was wolle.
Das Geheimnis des langen Lebens
Was das Geheimnis eines langen Lebens ist, weiss Anni Tanner nicht genau. Das familiäre Umfeld und die Zufriedenheit seien wichtig. Wahrscheinlich hätten aber auch die Gene etwas damit zu tun, denn schon ihr Vater Emil Gschwend sei 94 geworden und sei damals noch «gut beieinander» gewesen, und auch ihre Schwester Lini sei 101 geworden. Wichtig sei auch Bewegung – geistige und körperliche: «Ich mache jeden Tag draussen meine Runde. Das geht gut, nur aufwärts laufen ist wegen meines Knies nicht so einfach.» Für die 104-Jährige bedeutet dies, 28 steile Stufen rauf und runter zu gehen, wie der Bischofszeller Stadtammann Thomas Weingart nach ihrem 102. Geburtstag im Gemeindeblättli mit Bewunderung feststellte. Vor allem die Treppe vom ersten Stock, der Wohnung ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter, in ihre Wohnung im zweiten Stock, sieht alles andere als altersgerecht aus. Die Holztreppe ist so steil, macht zudem noch eine enge Kurve und hat nur ein Geländer, dass man sich gar nicht vorstellen kann, wie jemand in hohem Alter eine solche Herausforderung in Angriff nehmen will. Aber alles kein Problem für Anni Tanner, denn es sei alles eine Frage der Technik: «Ich weiss, wie es geht, und darum ist das keine Sache. Ich gehe einfach runter, mach eine Runde und dann komme ich wieder heim.»
Auch das Essen habe sicherlich eine wichtige Rolle in ihrem langen Leben gespielt, ist Anni Tanner überzeugt. Und dabei sei das Wichtigste gewesen, dass es selbst gekocht ist: «Essen in den jungen Jahren macht viel aus. Und meine Mutter war eine hervorragende Köchin.» Sie hätten immer genügend eigene Milch und Butter gehabt, und Mehl für Brot habe man von einem Nachbarn erhalten, der eine kleine Getreidemühle gehabt habe. Und auch die eigenen Schweine hätten eine wichtige Zutat geliefert: «Die Kartoffelbröckli sind immer im Schweineschmalz oder in der Butter geschwommen.»
Dass Butter und Schmalz heute bei vielen Ernährungsberatern auf der roten Liste stehen, kümmert sie wenig. Denn was sind wissenschaftliche Erkenntnisse gegen solche aus eigener Erfahrung? Genau deshalb lässt sie auch das immer populärer werdende Gebiet der Longevity, also der Wissenschaft der Langlebigkeit, kalt. Zumindest bisher, verrät Anni Tanner: «Mit solchen Dingen erreicht man mich jetzt noch nicht.»
Von David A. Giger