Ursula R. Friedrich wählte bewusst das Restaurant Rotes Kreuz in Arbon als Treffpunkt, um Farbe zu bekennen.⋌ dag
17.09.2026 12:02
«Schön, dass ich noch Gehör erhalte»
Ursula R. Friedrich ist wohl die fleissigste Leserbriefschreiberin in der OBNA in den vergangenen Jahren. Für die Arbonerin ist das Niederschreiben ihrer Gedanken und das Mitteilen ihrer nicht immer populären Meinung nämlich viel mehr als ein bereicherndes Hobby.
Arbon Ursula R. Friedrich ist Leserbriefschreiberin aus Überzeugung. Fast jede Woche trifft ein neuer Leserbrief in der Redaktion ein, der sich ausführlich einem aktuellen Arboner Thema widmet. «Leserbriefe zu schreiben, macht mir grosse Freude. Und es ist eine Tätigkeit, die sehr wichtig für meine Selbstanerkennung ist», meint die 74-Jährige dazu. Dass sie mit ihren Zeilen in der Leserbrief-Rubrik dieser Zeitung häufig aneckt, ist ihr absolut bewusst. Nicht nur, weil sie auch schon gelegentlich Gegenwind von anderen Leserbriefschreibern erhalten habe, sondern auch, weil sich ihre unverblümten Meinungsäusserungen nicht nur auf die Leserbrief-Rubriken der regionalen Zeitungen beschränken. Denn sie sei eine Gerechtigkeitsfanatikerin, die nicht einfach wegschauen könne, wenn sie Unrecht sehe: «Wenn ich merke, dass etwas faul an einer Sache ist, dann nehme ich sofort Stellung.»
Manchmal bedeute dies, dass sie ausrufe, was sicherlich nicht immer angemessen sei. Doch sie habe schon in früher Kindheit gelernt, was ein lebhafter Diskurs ist, sagt sie: «Ich hatte impulsive Eltern. Da wurde in der Familie häufig laut diskutiert und herumgefuchtelt.» Was genau Ursula R. Friedrich mit dem Fuchteln meint, zeigt sie etwas später im Gespräch, als sie plötzlich richtig Fahrt aufnimmt und mit ihren Händen und Armen anfängt zu gestikulieren, um ihrer Meinung noch mehr Nachdruck zu verleihen: «In Italien hätte doch niemals jemand nach einer Bewilligung für ein paar Lampen gefragt! Das ist doch alles 'Pünktlischiesserei'!»
Angesprochen hat sie mit dieser Aussage die Beleuchtung der Gartenwirtschaft im Roten Kreuz in Arbon, die Beiz, die Ursula R. Friedrich für das Treffen vorgeschlagen hat. Denn wenn jemand etwas so Schönes und bei den Menschen Beliebtes auf die Beine stelle wie Wirt Gionatan Capuano, dann dürfe man wohl auch etwas Augenmass von den Behörden erwarten. Und wenn dies nicht der Fall sei, dann passiere es ganz intuitiv, dass sie sprachlich interveniere. «Manchmal muss man einfach ausrufen, um Dampf abzulassen. Denn danach fühlt man sich sofort zufriedengestellt», sagt Ursula R. Friedrich.
Freundin der Sprachen
Dass sich die Arbonerin der Sprache bedient, um ihre Meinung mitzuteilen und um sich für andere einzusetzen, kommt nicht von ungefähr. Denn Sprachen seien schon in der Schule ihr Ding gewesen und sie habe viel Lob und gute Noten für ihre Aufsätze erhalten. «Ich lese sehr viel und bin ein grosser Fan von schön ausgesprochener Sprache.» Vor allem Deutsch gefalle ihr, nur sei im deutschsprachigen Raum die Diskussionskultur nicht nach ihrem Geschmack, weshalb sie häufig am Abend «Canale 4» schaue. Denn in Italien seien vor allem politische Diskussionen noch ein Spektakel: «Da geht es immer laut und hektisch zu und her. Nicht selten geht es sogar so weit, dass der Moderator das Mikrofon eines Gastes abstellen muss.»
Das ist ganz nach dem Gusto von Ursula R. Friedrich. Denn so würde man sehen, dass die Menschen eine eigene Meinung haben und auch bereit sind, diese zu vertreten – was leider in der heutigen Zeit nicht immer der Fall sei: «Was ich überhaupt nicht verstehen kann, sind Menschen, die massenhaft Zeit zum Trödeln und Schwatzen haben. Um was kümmern sich die?» Sie könne es einfach nicht nachvollziehen, wenn sich jemand nicht dafür interessiere, was in der Welt vorgeht. Doch dies seien wohl einfach Entwicklungen, an die man sich leider in der heutigen Zeit gewöhnen müsse: «Früher hat man viel sinnreicher gelebt. Und darum ist heute häufig in der zwischenmenschlichen Kommunikation die Tiefe verloren gegangen.»
Doch nicht nur die Tiefe der Konversationen fehle, sondern häufig auch das Vokabular. Deshalb habe sie beim Verfolgen dieser politischen Debatten auch immer ein italienisches Wörterbuch griffbereit. Denn obwohl sie ihr halbes Leben in Italien verbracht und viele Jahre an einem Gymnasium Deutsch unterrichtet habe, gebe es doch immer wieder einmal ein Wort, das ihr nicht so geläufig sei. Und dieses einfach zu überhören, kommt für sie nicht in Frage – der Korrektheit wegen, aber auch wegen ihrer Wissbegierde. «Ich bin von Grund auf neugierig und unternehmungslustig. Darum gibt es schon genügend andere Dinge, die mir keine Ruhe lassen», sagt die Arbonerin.
Es lebe die Meinungsfreiheit!
Diese anderen Dinge, die Ursula R. Friedrich beschäftigen, verarbeitet die 74-Jährige häufig schreibend. «Leserbriefe schreibe ich erst seit ein paar Jahren. Doch ich habe schon immer viel für mich selbst notiert, doch das kann man alles verbrennen», meint sie dazu. Dass sie ihre Meinung auch lautstark zum Besten gebe, sei auch nicht immer der Fall gewesen: «Als Kind und Jugendliche war ich eher ruhig. Doch rebellisch war ich schon damals, denn mir gefällt es, gegen den Strom zu schwimmen.» Dies wird wohl auch der Grund sein, wieso ihr Lieblingssport das Schwimmen ist und sie während der Sommermonate eine regelmässige Besucherin der Arboner Badi ist.
Doch müsste sie zwischen ihren beiden liebsten Hobbys wählen, dann hätte das Schwimmen das Nachsehen. Denn das Schreiben von Leserbriefen ist für Ursula R. Friedrich eine Befriedigung, auf die sie nur sehr ungern verzichten würde: «Es ist einfach schön, dass ich noch Gehör erhalte. Denn für mich ist dies der Beweis, dass man die eigene Meinung noch immer kundtun darf.»
Von David A. Giger