Vom Musiker zum Lehrer: Dai Kimoto bereut es nicht im Geringsten, dass er seine Trompete höchstens noch braucht, um seinen Schützlingen von den Swing Kids und der Monkey Jazzband etwas zu zeigen. ⋌dag
01.10.2026 08:04
«Nur Noten zu spielen, ist noch keine Musik»
Dai Kimoto vertraut in seinem Leben auf eine einfache Philosophie: Lerne zuerst die Grundlagen so gut wie möglich, dann geh einen Schritt weiter. Diese Herangehensweise an neue Herausforderungen hat sich nicht nur im Leben des gebürtigen Japaners mehrmals als Erfolgsrezept herausgestellt, sondern sie ist auch die Grundlage des überwältigenden Erfolgs seiner Swing Kids.
Romanshorn Bevor Dai Kimoto im Jahr 1979 der Liebe wegen nach Romanshorn zog und dort eine Familie gründete, war er an verschiedenen Orten auf der Welt als professioneller Trompetenspieler engagiert. Egal ob im Tokyoer Fernsehorchester, in der Max Greger Band oder in anderen Formationen – überall sei es ihm wegen seiner Einstellung leicht gefallen, Anschluss zu finden: «Grundlagen machen den Unterschied. Denn ohne sie kommt man nicht weit.»
Seit seinem 18. Lebensjahr dreht sich im Leben von Dai Kimoto alles um Musik. Doch nicht wie bei anderen Profis im Musikbusiness war dieser Schritt nicht die logische Folge einer in den Kinderjahren gestarteten Karriere, sondern schlicht und einfach das Ergebnis eines einschneidenden Erlebnisses als Teenager.
Vom Sport zur Musik
Baseball ist gross in Japan. So gross, dass viele Kinder davon träumen, einmal Profi zu werden und in mit Tausenden von Menschen gefüllten Stadien den Lebensunterhalt zu verdienen. Eines dieser Kinder war Dai Kimoto. «Bis ich 15 Jahre alt war, gab es für mich nur Baseball. Ich habe jeden Tag vier bis sechs Stunden trainiert», erzählt der Romanshorner im lichtdurchfluteten Esszimmer seines Zuhauses. Musik habe ihn überhaupt nicht interessiert, denn da war kein Platz neben dem Traum, Baseballprof zu werden.
Doch alles änderte sich an einem schicksalhaften Herbsttag in seinem 15. Lebensjahr, als er in den Bann eines Schaufensters gerät und im Schallplatten-Laden einen Tonträger mit Dixieland Jazz erwirbt, der ihm eine komplett neue Welt eröffnete. «Ich habe das erste Mal in meinem Leben fröhliche Musik gehört», erinnert sich Dai Kimoto an den prägenden Moment, der sein Leben total auf den Kopf stellte. Denn japanische Musik sei für gewöhnlich melancholisch und traurig und somit gar nicht sein Ding gewesen. Und obwohl er überhaupt noch nicht wusste, was Jazz ist und was das Wort bedeutete, entschloss er sich beim ersten Anhören der Platte dazu, auch Jazzmusiker zu werden: «Und so kaufte ich mir am 25. Dezember die billigste Trompete, die der Musikladen im Angebot hatte.»
Da sein Enthusiasmus anscheinend auch dem Verkäufer Eindruck machte, habe er zu seinem ersten Instrument auch noch ein Buch mit dem Titel «Trompete für Anfänger» geschenkt gekriegt, erinnert sich Dai Kimoto. Und dies war die Grundlage für das selbstständige Erlernen des Trompetenspiels, das nur drei Jahre später in eine Profi-Karriere mündete: «Mit 18 Jahren wurde ich Mitglied einer professionellen Big Band. Und nur zwei Jahre später durfte ich für das Fernsehorchester in Tokio spielen.» Danach folgten Anstellungen in London und in München, bei der damals weltbekannten Band von Max Greger.
Mit den Swing Kids auf Tour
Bald war Dai Kimoto jedoch nicht mehr nur ein bekannter Musiker, sondern auch ein gefragter Komponist. Und um Komponist zu werden, hat er sich kurzerhand noch das Spielen von vielen anderen Instrumenten beigebracht: «Komponieren geht viel besser, wenn man ein Instrument selbst kennt. Weil dann hat man eine genaue Vorstellung, wie ein Ton auch tatsächlich klingt.»
Das Komponieren und Arrangieren von Big Bands und anderen Musikformationen hat Dai Kimoto so grosse Freude gemacht, dass er vor 24 Jahren die Swing Kids gründete und sich seither mit viel Herzblut als Band-Papi für seine musikalischen Kinder engagiert: «Mit den Swing Kids übe ich zweimal pro Woche hier in Romanshorn. Und mit den kleineren Kindern von der Monkey Jazz Band einmal.»
Regelmässig werden die Swing Kids auch für Konzerte gebucht – und dies nicht nur im Inland. Darum sind Auslandtouren nicht etwa die Ausnahme, sondern viel mehr die Regel. Denn nebst zwölf Besuchen in seinem Vaterland Japan und fünf Besuchen in Argentinien, stehen noch ganz viele andere Destinationen in der Chronik der Swing Kids. «Und für diese Reisen erhielten wir weder Sponsoring, noch mussten die Eltern Beiträge zusteuern. Denn wir finanzieren alles mit unseren Gagen», erklärt der Bandleader stolz.
Dies überrascht nicht, wenn man weiss, dass die Swing Kids häufig vor riesigem Publikum spielen, sie nicht selten 1000er Säle füllen können. Und obwohl ein Auftritt vor einer so grossen Menschenmenge fern der Heimat für viele Jungmusiker ein absolutes Horrorszenario ist, habe es noch nie Probleme mit Lampenfieber gegeben: «Wir spielen nur, was wir können. Also gibt es keinen Grund, nervös zu sein.»
Dass nebst dem Beherrschen der musikalischen Grundlagen wohl auch die von Dai Kimoto vorgelebte Ruhe eine wichtige Rolle bei den souveränen und in höchsten Tönen gelobten Auftritten spielt, erwähnt der Musiker nicht. Denn sein Einsatz für die Swing Kids ist für ihn das Natürlichste auf der Welt, eine Art Berufung. Und obwohl der Romanshorner mit seinen 77 Jahren eigentlich schon längst etwas kürzertreten könnte, kommt dies für ihn gar nicht in Frage. Gerne würde er zwar etwas mehr Trompete oder auch Baseball spielen, doch er habe einfach keine Zeit dazu. «Vieles, was ich tue, ist nicht für mich, sondern für die Ausbildung der Kinder und die vielen Fans der Swing Kids», gibt er zu verstehen. Und auch letzte Woche hatte er nicht viel Zeit, da er schon wieder am Vorbereiten einer Japanreise war – nur diesmal nicht für seine Swing Kids, sondern für ein eigenes «Kid»: «Ich reise am Wochenende mit der Familie meiner Tochter für Ferien nach Japan.» Doch einfach Ferien zu machen, kommt für Dai Kimoto nicht in Frage. Darum wird er wohl auch während des jetzigen Aufenthalts in seinem Heimatland mehr Reiseführer als Reisender sein.
Mit Freude am Werk
Wer sieht oder erlebt, mit wie viel Enthusiasmus Dai Kimoto sich für Kinder einsetzt, der merkt sofort, dass hier jemand in seinem Element ist. Auf die Frage, ob er es denn nicht vermisse, selbst auf grossen Bühnen im Rampenlicht zu stehen, hat er darum auch eine klare Antwort: «Das habe ich alles schon gesehen. Jetzt ist es wichtig für mich, Menschen zu bilden.»
Und genau dies tut er mit den Swing Kids. Denn er hat hohe Erwartungen an alle Kinder und Jugendliche, die er unter seine Fittiche nimmt. «Nur Noten zu spielen, ist noch keine Musik. Man muss sich ausdrücken können», sagt Dai Kimoto. Denn nur wer locker spielen könne, schaffe es auch Musik wie Glenn Miller oder Benny Goodman zu produzieren: «Alles andere ist technischer Kampf von Sklaven der Noten.» Darum ist es ihm ein grosses Anliegen, Kinder dazu zu motivieren, nicht nur Musik von hoher Qualität zu spielen, sondern auch solche, die spontan ist und Freude vermittelt. Es gehe nämlich genauso um Ausdruck und Klang und nicht nur um Technik und Noten: «Viele Musiker wollen nur zeigen, was sie können. Doch Musik ist dafür da, anderen Freude zu bereiten.»
Da Dai Kimotos Philosophie weit über Musiknoten hinausgeht, sieht er die Ausbildung der Swing Kids auch nicht nur als Musikschule, sondern auch als eine Lebensschule. Und Lektionen in dieser seien leider im digitalen Zeitalter immer seltener geworden. «Schau nicht immer nur Videos auf Youtube. Wenn du wirklich etwas lernen willst, dann kauf dir ein Buch oder ein Instrument», rät Dai Kimoto darum seinen jungen Mitmenschen. Doch man soll auch nie vergessen, miteinander zu spielen, da dies vor allem für Kinder enorm wichtig sei: «Die schulische Leistung meiner eigenen Kinder war nie von Bedeutung für mich. Deshalb habe ich ihr Zeugnis nie angeschaut, sondern nur ihren Umgang mit anderen Menschen.»
Und weil er diese persönliche Auffassung von Erziehung auch mit den Swing Kids leben kann und er nach wie vor grosse Freude am Komponieren und Arrangieren von Musik hat, weiss er noch nicht, wann er seine Stelle in der Musik- und Lebensschule an den Nagel hängen wird. Bald wird dies nicht sein, denn dank eines gesunden Lebenswandels, Okido Yoga und jährlichem, zweiwöchigen Wasserfasten, ist Dai Kimoto noch immer topfit und bei bester Gesundheit: «Ich bin seit 60 Jahren keinen Tag mehr krank im Bett gelegen.» Dai Kimoto ist auch überzeugt, dass er weiterhin dringend gebraucht wird: «Denn das Allerwichtigste für eine Gesellschaft, ist das Bilden von Menschen.» Darum komme der Rolle des Lehrers auch eine so entscheidende Bedeutung zu. In welchen Lebensbereichen man anderen Menschen etwas lehre, sei nebensächlich, solange man anderen dabei helfe, in der eigenen Umgebung Glück zu finden. Denn so sei die Grundvoraussetzung erfüllt, um etwas absolut Wesentliches für uns Menschen in die Welt hinauszutragen: «Der Sinn des Lebens ist es, anderen Freude zu schenken.»
www.swingkids.ch
Von David A. Giger