08.10.2026 07:47
Warum Schattenseiten wieder populärer werden
Die Interpartei Romanshorn lud am Mittwochabend, 30. September, ins katholische Pfarreizentrum zu einem Runden Tisch. Vertreterinnen und Vertreter aus verschiedenen Lebens- und Arbeitsbereichen teilten dort ihre Einschätzungen mit, wie sie den vergangenen Hitzesommer erlebt haben und wie sie sich auf künftige Hitzewellen und Dürren vorzubereiten gedenken.
Romanshorn «Hitzewellen und Dürre sind vorbei – und in Zukunft?» – dies war die Frage, die alle Teilnehmer am runden Tisch beschäftigte. Werner Verant von der Klimafachstelle des Amtes für Umwelt beantwortete die Frage aus Sicht des Kantons und zeichnete trotz der kürzlich erfolgten Verabschiedung des kantonalen Klima-Massnahmenplans ein ziemlich eindeutiges Bild von der Zukunft: «Ab Mitte bis Ende des Jahrhunderts wird so ein Sommer die Regel sein.»
Ein Problem, das uns alle betrifft
Für Markus Bösch, den derzeitigen Präsidenten der Interpartei Romanshorn und Organisatoren der Veranstaltung, stand am Runden Tisch vom Mittwoch, 30. September, vor allem eines im Vordergrund: Aufzuzeigen, dass Trockenheit und Dürre uns alle betrifft.
Obwohl in den vergangenen Monaten viel über die Auswirkungen des Rekordsommers auf die Landwirtschaft berichtet wurde, zeige das Interesse am Thema eindeutig, dass nicht nur die Bauern betroffen sind, meint Markus Bösch in seinen einleitenden Worten: «Es war erstaunlich, wie schnell alle hier Anwesenden zugesagt haben. Und mit ihrer Präsenz zeigen sie, dass Hitzewellen und Trockenheit alle betrifft und das Thema wichtig ist.»
Eingeladen waren Vertreterinnen und Vertreter aus verschiedenen Berufsfeldern, die direkt oder indirekt mit dem Thema «Hitzewellen und Dürre sind vorbei – und in Zukunft?» zu tun hatten. In einer ersten Runde hatten sie jeweils fünf Minuten Zeit, um ihre diesen Sommer gemachten Erfahrungen mit dem Publikum zu teilen. Und zum Schluss wurden sie noch von Markus Bösch aufgefordert, die Konsequenzen aufzuzeigen, die sie aufgrund ihrer Erfahrungen in Zukunft umsetzen wollen: «Es gibt konkrete Massnahmen vom Bund und vom Kanton – doch welche wollt Ihr hier vor Ort umsetzen? Was für Ideen und Projekte sind entstanden?»
Gemeinden sind gefordert
Für die Stadt Romanshorn machte sich der Rekordsommer in vielerlei Hinsicht bemerkbar. Claudia Brunner, Vizepräsidentin der Primarschulbehörde, ging vor allem auf Probleme mit der schulischen Infrastruktur ein: «Wir hatten Probleme mit überhitzten Gebäuden. Für alle beteiligten war es eine Herausforderung, bei Innentemperaturen am Mittag von rund 30 Grad zu unterrichten.» Insbesondere in den schönen, alten Schulhäusern Romanshorns habe sich die Hitze um die Mittagszeit deutlich gezeigt, da dort auch das Umsetzen von kühlenden Massnahmen aufgrund des Denkmalschutzes nicht einfach sei. Für eine Fassade eines neueren Schulhauses habe man jedoch eine innovative Lösung für kommende Jahre gefunden: «Wir werden den Versuch starten, an gespannten Stahlseilen entlang Hopfen wachsen zu lassen, um für etwas mehr Beschattung zu sorgen.»
Feuerwehrkommandant Andreas Dalcher erklärte, dass im Sommer vor allem das Schwitzen bei Tragen der Schutzausrüstung und das Aufrechterhalten der Bereitschaft während der Ferien in einem Milizsystem Herausforderungen für die Feuerwehr seien. Zum Glück habe es diesen Sommer jedoch nur wenige Brände gegeben und nichts Grosses – obwohl der Sommer für sie normalerweise Hochsaison sei: «Ich habe bisher noch kaum einen Grossbrand miterlebt, der im Winter stattgefunden hat.» Dies sei sicher auch kantonalen Massnahmen zu verdanken gewesen, die nicht überall auf viel Gegenliebe gestossen seien: «Das Feuerverbot hat diesen Sommer genutzt – auch wenn es sicher viele genervt hat, die gerne grillieren.»
Kein Problem stellte jedoch in Romanshorn die Wasserversorgung dar, erklärte EW-Geschäftsleiter Joh van der Bie. Doch auch sie stünden vor Herausforderungen, ergänzte er: «Diesen Juli und August wurde rund 40 Prozent mehr Wasser verbraucht als gewöhnlich.» Während die Aufbereitung von genügend Wasser gewährleistet sei, hätten die Leitungen das Wasser nicht weggebracht. Insbesondere der ebenfalls erhöhte Bedarf von Wiederverkäufern des Romanshorner Wassers habe die Kapazitätsgrenze erreicht, weshalb man handeln musste: «Die Leitung zu unseren Wiederverkäufern wird nächsten Sommer den doppelten Durchmesser haben.»
Stadtrat Philipp Gemperle vom Ressort Ortsplanung und Baurecht sagte, dass die Hitzewelle ihn völlig unvorbereitet getroffen hätte, da man bei der Ortsplanung zehn Jahre in die Zukunft plane. Obwohl der Produktivitätsverlust während der Sommermonate nur sehr klein gewesen sei, müssten hitzeresistente Bauten und kühlende Systeme mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden – auch wenn es immer eine Frage von Güterabwägungen bleiben werde: «Da für gewisse Klimaanlagen ein Baugesuch nötig ist, könnte es sein, dass sich der Ortsbildschutz in Zukunft mit dem Bau von Klimaanlagen beisst.» Und auch die furztrockenen Böden seien im Auge zu behalten und mit Begrünungen und allenfalls Massnahmen einer «Schwammstadt» zu bekämpfen.
Ein anderes Problem im Zusammenhang mit den trockenen Böden wurde von Förster Benjamin Sutter angesprochen. Die Grünastbrüche, also das unvorhersehbare Abbrechen scheinbar gesunder Äste bei wenig Wind, sei eine unberechenbare Gefahr, da die Situation von aussen nicht abschätzbar sei: «Wir haben ein erhöhtes Risiko, sich im Wald aufzuhalten. Es ist jedoch in der Eigenverantwortung von jeder und jedem einzelnen, denn man kann keine Sicherheitsgarantien geben.» Doch wegen des Trockenstresses könnten nicht nur Äste, sondern Kronenteile oder ganz Bäume absterben. Noch sei es zu früh für eine Einschätzung: «Die Beurteilung des Ausmasses der Schäden können wir nächsten Frühling machen. Und was wir für Bäume wir nachpflanzen sollen, ist auch eine grosse Schwierigkeit, da niemand weiss, wie die Welt in 100 Jahren aussieht.»
Auswirkungen auf alle Lebensbereiche
Dass Trockenheit und Dürre nicht nur im Wald für mehr Gefahren sorgen, davon berichtete Andrea Roth, Präsident Arbeitgebervereinigung Region Romanshorn und CEO von Geobrugg. Während die Produktion von Schutznetzen gegen Schnee immer weniger werde, würde jene von Schutznetzen gegen Buschfeuer anziehen. Doch man sei aufgrund der sich ändernden Umstände auch anderweitig gefordert: «Um Infrastruktur zu schützen, braucht es auch immer mehr Monitoring.»
Andreas Kugler hatte, wie viele Landwirte, vor allem mit dem Verlust einer wichtigen Futterquelle für seine Tiere zu kämpfen, denn er habe schlicht kein verwertbares Gras mehr auf den Weiden gehabt. Während der Ackerbau nur wenig betroffen gewesen sei und vor allem der Winterweizen sogar sehr gut wachse, habe er noch nie eine solch schlechte Ernte bei seinen rund 240 Hochstammbäumen gehabt. Vor allem die Äpfel der frühen Sorten des Mostobstes seien viel kleiner als gewöhnlich gewesen: «Doch bei Hochstammbäumen lohnt sich das Bewässern nicht, im Gegensatz zu Gemüse oder Zuckerrüben.»
Und auch andere Tiere wurden in Mitleidenschaft gezogen – und dies noch viel direkter, erklärte Fischerei-Fachmann Jürg Marolf: «In den Bächen hat es nicht nur Fische, sondern auch Insekten. Und diese bilden die Grundlage für neues Leben.» Bäche seien teils total ausgetrocknet, während andere nur noch sehr wenig Wasser beförderten. Und dagegen müsse man unbedingt etwas unternehmen: «Man muss Gewässer wieder mehr schattieren. Denn man hat lange unterschätzt, was Schatten bewirkt.»
Andreas Steinke, Geschäftsleiter des Alterszentrums Holzenstein, sagte, dass man selbst zwar keine Übersterblichkeit feststellte, doch insbesondere die Sicherheit der 85 Bewohner ein Thema bei ihnen gewesen sei. Vor allem der Zeitpunkt, wann jemand nach draussen gehen wolle, sei zu einem wichtigen Kriterium geworden. Denn obwohl man viele Sonnenschirme angeschafft und auch eine beliebte Kneipp-Anlage zur Abkühlung habe, hätten die Massnahmen nicht ausgereicht, um der Hitze Herr zu werden: «Wir müssen in Zukunft vermehrt Schattenplätze schaffen, sei dies durch Bäume oder Sonnenschirme.»
Von David A. Giger