19.02.2026 09:18
Lachnummer in der Oase
Letzten Mittwoch, 11. Februar, wurde es für einmal richtig laut und heiter in der Oase Amriswil. Denn die Tagesstätte für Menschen mit Demenz hatte Besuch von Franziska Frei aus Dozwil, deren Absicht es immer ist, aus ihrem Heiterkeitstraining eine Lachnummer zu machen.
Amriswil Dass die Kaffeerunde in der Oase so gross wie letzten Dienstag ist, gibt es nicht häufig. Denn die Tagesstätte für Menschen mit Demenz zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie klein und familiär ist. Doch wenn auch das «Café Vergissmeinnicht» eingeladen wird und für einmal mehr als zwei Betreuerinnen vor Ort sind, dann werden es schnell mehr als ein Dutzend. «Jetzt bin ich doch auch ein bisschen nervös, denn so eine grosse Runde hatte ich noch nie», sagt Franziska Frei bevor sie loslegt.
Eine Oase – fast wie zu Hause
In Amriswil gibt es eine Oase, die zwar nicht wirklich ein grüner Fleck, aber dennoch ein fruchtbarer Ort ist. Denn in der familiären Tagesstätte erhalten Menschen mit Demenz die Möglichkeit, sich auch ausserhalb der eigenen vier Wände wohl zu fühlen.
Auf den ersten Blick deutet nichts darauf hin, dass das Gebäude an der Florastrasse 1 in Amriswil mehr als ein Mehrfamilienhaus sein soll. Erst ein Schild beim Eingang bestätigt, dass hier tatsächlich auch die Oase Amriswil zu Hause ist. Dies ist nicht ohne Grund so, verrät Petra Bolliger, die zusammen mit Mirjam Schilling die Tagesstätte leitet: «Die familiäre Umgebung, für die eine normale Wohnung sorgt, ist genau das, was uns auszeichnet.» Gemeint sind damit nicht nur mehrere Zimmer als Rückzugsmöglichkeiten für die Tagesgäste, sondern auch die grosse, offene Küche, das Herzstück der Oase. «Wir kochen hier jeden Tag zusammen. Und obwohl einige Gäste es anfangs ausschliessen, mitzuhelfen, machen schlussendlich doch die allermeisten mit», sagt Mirjam Schilling.
Wie der Alltag von früher
Dass die maximal vier Tagesgäste zum Helfen im Haushalt und im eigenen Garten der Parterrewohnung motiviert werden können, liege daran, dass alle noch in ihrem eigenen Zuhause leben würden. Denn man betreue in der Oase nur die mittleren und nicht die schweren Demenzfälle. «Die meisten von ihnen kochen ja auch noch täglich. Und den Garten machen sowieso noch alle selbst», sagt Petra Bolliger und gibt umgehend zu verstehen, dass dies in Tat und Wahrheit nicht der Fall sei, dies jedoch in der Wahrnehmung der Gäste so geschehe. «Menschen mit Demenz haben meistens keine Krankheitseinsicht. Dies ist vor allem für Angehörige eine Herausforderung und oftmals auch Stress», erklärt die ausgebildete Pflegefachfrau, die schon viel Erfahrung bei der Betreuung von Menschen mit Demenz hat. Darum versuche man immer, die Menschen mit Demenz irgendwie abzuholen.
Dies geschehe mit stets neuen allgemeinen Tagesthemen, die mit der Natur, den Jahreszeiten oder speziellen Anlässen – wie dem heutigen Thema Valentinstag – zu tun hätten. «Denn bei Themen, die sich damit beschäftigen, was sie heute Morgen oder gestern gemacht hätten, klappt das Abholen nicht», sagtMirjam Schilling, die ebenfalls ausgebildete Pflegefachfrau ist und auch schon über viel Erfahrung in der Betreuung von Menschen mit Demenz verfügt.
Um keine Langeweile aufkommen zu lassen, steht in der Oase auch ein grosser Spieleschrank. In diesem sind nicht nur diverse Brett- und Gesellschaftsspiele, sondern auch Stofftiere und Puppen zu finden. Und dies mit gutem Grund, erklärt Petra Bolliger: «Was zeitlich nah ist, fliegt für Menschen mit Demenz immer weiter weg. Darum reisen sie gedanklich immer weiter in die Vergangenheit zurück.» So könne es gut sein, dass gewisse Gäste sich dank der Puppen an die Zeit erinnern würden, als sie sich um Kleinkinder kümmerten oder selbst welche waren.
Zurzeit arbeiten zehn Mitarbeitende in der Oase Amriswil. Und dies tun sie grösstenteils im Ehrenamt, erklärt Petra Bolliger: «Wir alle im Team arbeiten die ersten 16 Stunden ohne Bezahlung. Für die restlichen Stunden erhalten wir ein Sackgeld.» Doch das es bei der Oase vor allem ums Herzblut geht, merkt man schon in dem Moment, in dem man die Wohnung betritt. Darum wäre das Team nicht unglücklich, wenn es noch etwas mehr gefordert wäre und für noch mehr Menschen eine Oase sein könnte: «Es hätte noch freie Plätze. Und im Kantonsrat ist auch noch ein Geschäft hängig, dass es uns erlauben würde, mehr als vier Gäste am Tag zu betreuen.»
Zeit für Heiterkeit
Da es in der Oase in Amriswil jeden Tag Zeit für Heiterkeit gibt, passt das Heiterkeitstraining von Franziska Frei aus Dozwil wunderbar ins Nachmittagsprogramm der Tagesstätte. Gesponsert werden die insgesamt zehn Auftritte in der Oase vom Gemeinnützigen Frauenverein Dozwil-Kesswil-Uttwil, deren Präsidentin Heidi Rusch sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollte und auch in der Runde sass: «Wir kennen das alles schon ein bisschen, denn unser Engagement fürs Soziale richtet sich doch auch häufig an ältere Menschen.» Ob sie damit das spezielle Training von Franziska Frei meinte, darf jedoch bezweifelt werden. Denn was in der rund halbstündigen Heiterkeitssession für ein Programm auf sie wartete, ist kaum zu beschreiben, da es ein Mix aus Sitzturnen und Lachmuskeltraining war. Dieses erinnerte teilweise auch an eine bewusste Achterbahnfahrt mit den Gefühlen, da nicht nur gelacht, sondern auch Gemütszustande im Eiltempo gewechselt wurden. «Alle Gefühle gehören zum Leben dazu. Darum springen wir jetzt vom einen ins andere», meinte Franziska Frei und animierte die Runde, die verschiedenen Übungen für den Körper und vor allem für das Gesicht ihr nachzumachen. Und vor allem fürs Lachen versuchte sie die Runde immer wieder zu motivieren: «Wir brauchen zum Lachen über 200 verschiedene Muskeln. Darum lasst uns etwas Muskeltraining machen und die Lachmuskeln ölen.» Wenn man lache, dann entspanne man sich nicht nur, sondern man könne sich auch nicht ärgern. Darum tue Lachen gut und mache Freude. «Und im Idealfall fühlt ihr Euch danach etwas glücklicher und leichter», meinte Franziska Frei in weiser Voraussicht. Denn dieses Ziel hat sie mit Sicherheit erreicht – und dies auch bei jenen zwei Gästen, die sich fest vorgenommen hatten, nicht auf Kommando zu lachen.
Wer sich gerne selbst ein Bild der Oase in Amriswil machen möchte, hat am Samstag, 21. März, die Möglichkeit dazu. Willkommen sind am Tag der offenen Tür alle Interessierten – ganz egal ob Sie Familienangehörige mit Demenz haben, Sie nur einen Einblick in eine besondere Oase erhalten wollen oder Sie vielleicht selbst über ein freiwilliges Engagement zum Gemeinwohl nachdenken. Denn das Oase-Team nimmt die Namensgebung ernst und versucht alles, um für Menschen mit Demenz ein fruchtbarer Vegetationsfleck in einer sonst häufig lebensfeindlichen Umgebung zu sein.
www.oase-thurgau.ch
Von David A. Giger