25.09.2026 13:59
Kunstsammlung zieht ins Dorf
Die private Kunstsammlung ARtBON von Heinz Nyffenegger gehört mit über 800 Werken zu einer der grössten ihrer Art in der Ostschweiz. Doch bald wird sich einiges bei der in Arbon beheimateten Sammlung und Stiftung ändern, denn ein Umzug von der Stadt ins Dorf hat nicht nur eine Namensänderung zur Folge.
Sulgen Hessenreuti ist ein kleiner Weiler der Gemeinde Sulgen, der an der Kantonsstrasse zwischen Sulgen und Erlen liegt und nur etwas über 50 Einwohner zählt. Obwohl der Zuzug einer grossen Kunstsammlung und der Bau eines Begegnungsortes nicht spurlos an der Siedlung vorbeigeht, ist Gemeindepräsident Andreas Opprecht überzeugt vom Projekt: «Das Ganze wurde grossmehrheitlich positiv aufgenommen von den Einwohnern Hessenreutis. Und auch wir von der Gemeinde sind überzeugt, dass das Projekt positiv auf Hessenreuti abfärbt.»
Übernachten in der Kunstausstellung
Es hört sich etwas an, wie die nächste Folge des Hollywood-Streifens «Nachts im Museum». Denn der neue Standort der Kunstsammlung ARtBON von Heinz Nyffenegger in Hessenreuti wird nicht nur eine Ausstellung beheimaten, sondern auch ein kleines Hotel inmitten einer grossen Ansammlung von vielfältigen Kunstwerken.
Ein Hotel inmitten eines Museums, das nur über die Ausstellung zugänglich ist – wo gibt es denn das? – Bald in Hessenreuti, lautet eine Antwort. Obwohl der Schöpfer hinter dieser Idee, Heinz Nyffenegger, keine Freude an der gebrauchten Bezeichnung hat: «Es wird kein Kunstmuseum, sondern eine Kunstsammlung. Denn Kunst und Kultur in Museen ist eher etwas für ältere Jahrgänge.»
Die Gefahr, dass in Hessenreuti etwas Altbackenes oder Verstaubtes entsteht, das nur eine bestimmte Gruppe von Menschen anspricht, ist jedoch sehr gering. Denn die Baustelle vor Ort lässt jetzt schon erahnen, dass hier jemand Grosses vor hat. «Es soll eine Kombination von Tradition und Moderne werden. Das ist eine Vision von mir», sagt Heinz Nyffenegger. Ziel sei es, an einem aussergewöhnlichen Ort, ein aussergewöhnliches Erlebnis zu schaffen. Und die Grundvoraussetzungen sind mit der Renovation eines alten Bauernhauses und eines Neubaus geschaffen: «Nebst den Ausstellungsräumen, einem kleinen Restaurant und einem Begegnungsraum wird es auch eine Wohnung und vier Hotelzimmer vor Ort geben.»
Geplant sei nämlich, dass sich künftig jemand persönlich um das Projekt in Hessenreuti kümmere. Am liebsten wäre den Initianten jemand, der sich mit dem Konzept identifizieren könne und sich gastronomisch im Rahmen der Gegebenheit verwirklichen wolle. «Wir sind noch auf der Suche nach einem Betreiber, der die Rolle des Abwarts übernimmt und nebenbei ein bisschen Beizer und Hotelier ist», sagt Heinz Nyffenegger.
Von der Stadt ins Dorf
Dass die über 800 Werke zählende Kunstsammlung ARtBON bald ein neues Zuhause in einem kleinen Dorf finden wird, habe vor allem mit der Sicherstellung des künftigen Betriebs zu tun. Er sei mittlerweile 77-jährig und mit seiner Partnerin zur Einsicht gelangt, dass die Sammlung in derzeitiger Form in Arbon nicht langfristig aufrecht erhalten werden könne, meint Heinz Nyffenegger: «Wir sind zu alt und verbraucht, dass wir das Ganze noch lange betreiben können. Und wir sind hier in Hessenreuti und in Sulgen extrem herzlich aufgenommen worden.» Der gesamte Sulgener Gemeinderat sei zudem schon an einer Führung durch ARtBON gewesen, weshalb den politischen Entscheidungsträgern bewusst sei, was für eine Sammlung bald in die Gemeinde ziehen werde.
Obwohl es jetzt «nur» noch 3000 und nicht mehr 3500 Quadratmeter Ausstellungsfläche seien, werden alle Werke einen neuen Platz am neuen Ort finden. Denn beim Rundgang durch das alte Bauernhaus und die bereits umgebaute Scheune wird einem schnell klar, dass Heinz Nyffenegger schon alles durchgeplant hat und die Werke seiner Sammlung schon ein vorgesehenes Plätzchen haben: «Der Mix von moderner Kunst mit alten Dingen, ist das, was mich reizt. Diese Räume waren bis vor zehn Jahren noch bewohnt – und man soll auch künftig noch sehen, wie die Menschen hier gelebt haben.»
Doch «artform», wie die Sammlung dann heissen soll, werde nicht einfach nur ein Abklatsch von «ARtBON» an neuer Stelle werden, sondern habe ein ganz anderes Konzept, erklärt Heinz Nyffenegger: «ARtBON ist derzeit ein völliger Irrgarten. Hier wird es jedoch keine dreistündigen Führungen geben, während welcher man die Orientierung und das Zeitgefühl verliert.» Ziel sei immer noch, einen spannenden und abenteuerlichen Rundgang anzubieten, jedoch soll das Erlebnis nicht mehr so stark durch die Führung beeinflusst werden: «Hier gibt es keinen Gruppendruck. Man kann also beliebig lange vor einem Werk verweilen.»
Ein anderer Zugang zur Kunst
Während sich doch einiges ändern wird beim Umzug der privaten Kunstsammlung von Arbon nach Hessenreuti, bleibt vieles jedoch auch beim Alten. «Die Werke werden auch hier nicht angeschrieben. Doch eine gewisse Information auf zeitgemässe Weise wird sicher stattfinden», erklärt Heinz Nyffenegger. Und auch der Fokus auf einen speziellen Zugang zur Kunst, den Heinz Nyffenegger als Gegenkonzept zu jenem der etablierten Kunsthäuser bezeichnet, wird beibehalten: «Wir setzen auf optische und nicht intellektuelle Signale. Denn ein Zugang zu Kunst über Emotionen ist viel besser als ein Zugang über das Wissen.»
Und Heinz Nyffenegger hat auch schon dafür gesorgt, dass sich die nächste Generation mit gleichem Enthusiasmus für das Projekt einsetzt. Denn Sohn Silvan teilt eindeutig die gleiche Leidenschaft für die Kunst und das Kunstschaffen. «Und dies nicht nur, weil ich seit ich 15 bin, immer Kunst zu meinem Geburtstag geschenkt bekommen habe. Sondern auch, weil ich einen Bezug zu den Werken und vor allem den Menschen dahinter habe», sagt Silvan Nyffenegger. Künstler seien ein spezieller Schlag von Menschen, denn würden sie für ihre Leidenschaft brennen und dafür viele Opfer auf sich nehmen. Und dies sei auch einer der Gründe, wieso die Sammlung keine Leihgaben beinhalte, sondern alle Werke von den Künstlerinnen und Künstlern erstanden wurden.
Dass nebst rund fünf Millionen Franken auch ganz viel Herzblut in das Projekt in Hessenreuti fliesst, scheint offensichtlich. Darum verwundert es auch nicht, dass das spezielle Konzept für die Kunstausstellung sehr eng mit der persönlichen Auffassung von Heinz Nyffenegger zusammenhängt, wie man einen Zugang zur Kunst auf einer emotional optischen, aber auch regional verankerten Ebene schafft: «Die Ausstellung könnte doch einen missionarischen Hauch haben. Denn sie soll die Augen auf lokale Highlights richten und so bewusst machen, was für hochwertige Kultur wir hier in der Schweiz haben.»
Von David A. Giger