08.10.2026 07:42
Fische züchten für die Zukunft
Der vergangene Hitzesommer war für viele Menschen eine Herausforderung. Noch viel mehr unter den hohen Temperaturen und der Dürre litten jedoch die Wasserbewohner aus dem Tierreich, allen voran die Fische. Es gab jedoch Ausnahmen, wie zum Beispiel die Karpfen von Rolf Bossart. Denn diese schwimmen in Kradolf in einer Fischzucht, die für eine warme Zukunft gewappnet ist.
Kradolf Karpfen zu züchten, ist keine weltbewegende neue Idee. Es ist nicht einmal etwas Aussergewöhnliches in der Region, denn die Teichwirtschaft wurde schon vor vielen Jahrhunderten vor allem von kirchlichen Institutionen betrieben. «Seit dem 17. Jahrhundert ist die Karpfenzucht nicht mehr aktuell. Wir wollen dies jedoch wieder ändern», erzählt Rolf Bossart, der hierfür zusammen mit seinem Geschäftspartner Rolf Müller das Unternehmen «Dualfisch» gegründet hat.
Gründe für das Wiederbeleben einer alten Tradition sind jedoch nicht in der Vergangenheit zu finden, sondern in der Gegenwart und vor allem in der Zukunft, erklärt Rolf Bossart: «Die Situation in den Weltmeeren ist besorgniserregend. Und auch viele Aquakulturen sind nicht die Lösung des Problems, da sie diese ebenfalls belasten.» Ein grosses Problem sei diesbezüglich vor allem die Fischerei, die sich auf die Produktion von Fischmehl konzentriere. Denn solches diene fast ausschliesslich der Produktion von Fischfutter für Aquakulturen, sagt Rolf Bossart: «Lachse zum Beispiel brauchen tierisches Eiweiss, um zu wachsen. Darum sind auch die Fischfarmen in Norwegen, Schottland und Chile nicht nachhaltig.»
Ein natürlicher Kreislauf
Nebst den Karpfen- und Filterbecken stehen im Treibhaus in Kradolf auch rund hundert Zitrusbäume. Diese sind Teil der Kreislaufwirtschaft, produzieren jedoch einiges weniger an Nahrungsmitteln als die Fischzucht, sagt Rolf Bossart: «Während wir rund zwei Tonnen Fisch im Jahr produzieren, gibt es nur 200 bis 300 Kilo Zitronen im gleichen Zeitraum. Obwohl sie geschmacklich super sind, ist das also mehr ein Hobby.» Die Zitronen seien jedoch erst der Anfang, denn der Anbau von verschiedenen anderen Pflanzen in der Kreislaufwirtschaft sei möglich. Erste Versuche mit Teichlinsen hätten vielversprechende Resultate geliefert und man sei wie überall fleissig am Experimentieren, so Rolf Bossart.
Doch obwohl das «Dual» im Firmennamen von dieser Kombination von Aqua- und Hydrokultur herrührt, liegt der Fokus doch klar auf der Fischzucht. Andere Länder, vor allem im asiatischen Raum, würden es vormachen, denn der Karpfen sei alles andere als ein Exot in Fischzuchten: «Es ist der meist gezüchtete und konsumierte Süsswasserfisch der Welt. Denn Karpfen können sich bis zur Geschlechtsreife problemlos vegetarisch ernähren.» Seine Fische seien also alle Vegetarier, da sie bis zur Schlachtreife mit rund einem Jahr bestens ohne tierisches Eiweiss auskommen können.
Obwohl der Karpfen noch ein Exot auf den Speisekarten der hiesigen Gastrobetriebe ist, könnte sich auch dies bald ändern, ist der gelernte Koch überzeugt: «Er steht kulinarisch den Edelfischen in nichts nach.» Dies natürlich nur, wenn man die Fische artgerecht halte und dementsprechend auf die Verarbeitung vorbereite: «Die Karpfen werden bei uns, bevor sie filetiert werden, vier Tage in Quellwasser 'gehaltert', um geschmacklich einwandfrei zu sein.»
Nachhaltige Fischzucht
Dass Rolf Bossart fasziniert vom Karpfen und seinen Eigenschaften als Speisefisch ist, merkt man in den ersten Minuten seiner Führung durch die Fischzucht von Dualfisch in Kradolf. Die Kreislaufwirtschaft mit Fischen und Zitronenbäumen funktioniert wunderbar, und dies nicht nur mit geringem Stromverbrauch: «Wir arbeiten ausschliesslich mit eigenem Regenwasser. Alles Wasser, das nicht verdunstet und für unsere Zitronenbäume gebraucht wird, wird aufmineralisiert und so rezykliert.»
Die Freude liegt nicht nur an allerlei Geräten Marke Eigenbau zur Stromreduktion, wie zum Beispiel seinen durch Schwerkraft betriebenen und von Regenwürmern sauber gehaltenen Bio-Filter, sondern vor allem auch durch die Besonderheiten des gezüchteten Fischs: «Wir brauchen nur schätzungsweise 1,2 Kilogramm Futter um 1 Kilogramm Fisch zu erhalten. Denn der Karpfen isst rund um die Uhr und kann darum eine solche hervorragende Leistung bei der Futterumsetzung erbringen.»
Rolf Bossart ist überzeugt, dass dem Karpfen als Zuchtfisch die Zukunft gehört. Und dies obwohl hier in der Schweiz Teichwirtschaften wie zu früheren Zeiten aufgrund der extremen Auflagen noch kaum denkbar sind: «Dies ist einerseits richtig so, da es um das Tierwohl geht und die Fische hundertprozentig abhängig vom Züchter sind. Doch bezüglich Standorts der Zuchten wäre doch mehr Spielraum wünschenswert.» So sehe er vor allem Potenzial in der Landwirtschaftszone, zum Beispiel in ehemaligen Schweineställen, die man so weit umbauen könnte, dass sie Regenwasser sammeln und mit einer PV-Anlage den nötigen Strom produzieren: «Noch sind dies nur Gedankenspiele. Und auch wir müssen zuerst noch beweisen, dass unser System auch langfristig funktionieren kann.»
Bisher tue es dies – zwar noch nicht sehr profitabel, aber immer besser. Doch Grund dafür sei auch die kostengünstige Lokalität, sprich das Treibhaus von seinem Geschäftspartner Rolf Müller, das von einem Gewächshaus zu einer Fischzucht umgewandelt wurde: «Hätten wir das gleiche Projekt in einer Gewerbehalle in Angriff genommen, dann wären wir jetzt schon Konkurs.»
Fisch der Zukunft
Grundsätzlich glaubt Rolf Bossart, dass die Rahmenbedingungen hier in der Schweiz so gestaltet werden sollten, dass sie Nährboden für nachhaltige Projekte in der Fischwirtschaft liefern: «Wir haben alle Ressourcen im Land. Darum wäre es wunderbar, wenn auch in kleinem Rahmen Fische nachhaltig gezüchtet werden könnten.» Denn nebst Einschränkungen betreffend Standort von Fischzuchten gibt es auch solche in Bezug auf die Fischnahrung. Und gerade gewisse Auflagen bei der Futtermittelzulassung sorgen beim gelernten Koch und erfahrenen Gastronomen für Kopfschütteln: «Ich darf zwar für Menschen kochen, doch für Tiere reicht dies anscheinend nicht.»
Ziel sei es auch, die Karpfen für den «Pink Kräuterfisch» eines Tages in der Schweiz zu produzieren. Doch unter den gegebenen Umständen sei dies einfach noch nicht realistisch. Und Teichwirtschaft wie früher zu betreiben oder im Ausmass, wie es unsere Nachbarn tun würden, sei wohl aufgrund des Bodenbedarfs überhaupt nicht möglich: «Wir beziehen unsere Filets für den 'Pink Kräuterfisch' von einem deutschen Bauern in Grenznähe. Er bewirtschaftet dort auf 100 Hektaren eine nachhaltige Karpfenzucht – etwas Unvorstellbares bei uns.»
Dennoch glaubt Rolf Bossart an den Karpfen. Seine Zucht brauche nämlich wenig Strom und wenig Wasser, der Fisch ernähre sich vegetarisch und sei zudem auch noch sehr wärme- und kältetolerant: «Der Karpfen ist also sehr modern. Denn er schmeckt nicht nur gut, sondern er ist auch nachhaltig.»
www.dualfisch.ch
Von David A. Giger