04.12.2025 15:27
Zu Besuch beim Oberchlaus
Sepp Keller ist Oberchlaus. So zumindest steht es auf einer Visitenkarte der Chlausgemeinschaft Hohentannen, die auf das Chlausstübli in Götighofen hinweist. Bald müsste wohl dieser Bezeichnung ein «a. D.» angehängt werden, denn der 69-Jährige denkt doch tatsächlich übers Aufhören nach.
Götighofen Wer glaubt, dass Besinnlichkeit in der Adventszeit vorallem durch die Kombination von Geselligkeit und Feuchtfröhlichkeit erzeugt wird, dem ist das Chlausstübli in Götighofen garantiert ein Begriff. Und wer schon einmal inmitten einer Heerschar von Chläusen – solchen mit und ohne Herzschlag – ein Fondue und einen Glühwein genossen hat, der wird sich mit Sicherheit auch an den Oberchlaus erinnern. «Eigentlich wollten wir das Ganze gar nicht. Doch dann sind einfach immer mehr Chläuse gekommen», erinnert sich Sepp Keller.
Meinen tut Sepp Keller damit das Chlausstübli in Götighofen, das er über viele Jahre hinweg zusammen mit seiner Frau Elsbeth betrieben hat. Erst war es ein «Chüngelstall», der Chläusen einen Zufluchtsort lieferte, der sie vor Wind und Wetter schützte. Doch im Laufe der Jahre ist daraus in unzähligen Stunden Arbeit in Eigenregie eine Besenbeiz entstanden, die manch einem Gast noch heute in Erinnerung sein wird. «Es hatte immer so viele Leute im Chlausstübli, dass es jeden Abend 'pumpenvoll' war», erinnert sich der Oberchlaus an gesellige Stunden in der Chlausenzeit anfangs Dezember. Doch gewisse Erinnerungen entstanden garantiert nicht nur in, sondern auch ausserhalb des Chlausstüblis. Denn während der Hochsaison strahlte dieses wie ein zum Leuchtturm gewordener Christbaum in die Dunkelheit hinaus: «Nur um die ganzen Kabel zu verlegen brauchte ich einen ganzen Tag. Und wie oft es mir dann jeweils die Sicherung herausgehauen hat, weiss ich bei bestem Willen nicht mehr!»
Berufung Chlaus
Doch der Oberchlaus wäre nicht der Oberchlaus, wenn er nicht auch dafür eine Lösung gefunden hätte. Denn wenn es um Chläuse geht, dann übernehmen Freude undBerufung die Rolle des Verstands. Bester Beweis dafür ist sein jetziger Stromanschluss, der nicht für ein Einfamilienhaus, sondern ein Unternehmen ausgelegt ist: «Ich liess extra neue Stromleitungen zum Haus verlegen, um das Problem mit der Beleuchtung in den Griff zu bekommen. Ich musste nicht nur für die neuen Kabel bezahlen, sondern ich zahle auch jetzt noch drauf für die grössere Leistung!»
Dies ist nur ein Beispiel von vielen, das zeige, was für eine Rolle Chläuse im Leben seines Vaters gespielt hätten, sagt Sohn Michael: «Er hat während der Chlauszeit immer zwei Wochen Ferien genommen oder Überzeit abgebaut. Den Aufwand, den er fürs Chlausen betrieben hat, war riesig.» Und dies nicht nur in zeitlicher Hinsicht, sondern auch finanziell. Denn im Laufe der Jahre habe das Chlausstübli noch eine andere Funktion übernommen und sei zu «einem Waisenhaus für alte Chläuse» geworden. Was damit gemeint ist, merkt man bei einem Besuch beim Oberchlaus unmittelbar. Denn in jeder Ecke und aus jedem Winkel schimmert es rot-weiss. Und bei genauerem Hinschauen merkt man dann auch, dass sich hier weder ein eingefleischter Nati-Fan noch sonst ein Patriot mit Schweizer Fahnen verwirklicht hat, sondern es nur so von Chläusen in allen erdenklichen Grössen wimmelt. «Ich habe keine Ahnung, wo ich die alle her habe. Doch es sind sicher über 1000», sagt Sepp Keller.
Doch nicht jeder Chlaus fand bei Sepp Keller Asyl, denn er hatte auch gewisse ästhetische Ansprüche: «Er musste mir schon auch gefallen und sympathische Gesichtszüge haben. Und wenn er kein 'Bäuchli' hatte, dann war er nichts für mich.» Wer jedoch den Zuschlag vom Oberchlaus erhielt, der bekam nicht nur ein neues Zuhause unter vielen «Artgenossen», sondern auch viel Zuneigung und Aufmerksamkeit: «Die Chläuse mussten gehegt und gepflegt werden. Denn ihre Haare sind sehr beliebt bei Ungeziefer.»
Mittlerweile dürften es einige weniger als 1000 Chläuse sein, denn vor gut zwei Wochen hat Sepp Keller schweren Herzens damit angefangen, sich von einigen seiner Kollegen zu trennen. «Es ging sicher drei Jahre, bis er sich dazu durchgerungen hat», sagt Michael Keller. Doch es habe noch immer welche, die gerne ein neues Zuhause hätten, darum seien Interessierte auch jetzt noch herzlich willkommen im Chlausstübli (Auf Google Maps oder Telefon 079 235 41 03).
Klein angefangen
Angefangen habe die ganze «Chlaus-Geschichte» damit, dass er sich dazu entschloss, als Samichlaus in den Wald zu gehen, um dort Kindern und ihren Familien ein authentisches Erlebnis des schönen Brauchs zu ermöglichen. «Es hat dann Wienerli, Tee und Punch gegeben. Und natürlich für jedes Kind ein Chlaussäckli», erinnert sich Sepp Keller.
Dieser Anlass im Wald sei dann immer populärer geworden. So populär, dass nicht nur immer mehr Kinder und Familien ein Teil des Chlaus-Erlebnisses sein wollten, sondern er schliesslich auch bärtige Unterstützung erhielt und er so zum Oberchlaus befördert wurde: «Wir waren dann lange 20 bis 25 Chläuse, die vom 1. bis am 6. Dezember oft von 9 Uhr am Morgen bis um 10 Uhr am Abend unterwegs waren.» Zu diesen Zeiten hätte er niemals die Zeit gehabt, um so lange mit jemandem über die Vergangenheit zu plaudern, da immer ein Termin wartete, meint Sepp Keller und widmet sich einem Chlaus, der seine Aufmerksamkeit braucht.
Wer den Oberchlaus nochmals beim Ausüben seiner Berufung erleben will, der hat morgen Freitag, 4. Dezember ab 16.30 Uhr in der Linde in Götighofen Gelegenheit dazu. Kinder erhalten dann wahrscheinlich nicht nur Wienerli und Punch offeriert, denn die Blösse, als Chlaus mit leerem Sack dazustehen, wird sich Sepp Keller auch gegen Ende seiner Karriere nicht geben.
Und ein Fragezeichen gibt es noch immer: Wird der Oberchlaus tatsächlich seine Stiefel an den Nagel hängen? Er meint zwar, dass es immer am besten sei, dann aufzuhören, wenn es am schönsten sei, und dass er jetzt auch etwas mehr Zeit für sein Hobby, seine Haustiere, hätte. Doch es könnte gut sein, dass genau diese ihn zu einem Umdenken anspornen. Denn als nachgefragt wurde, um was für Tiere es sich dabei handeln würde, kam er erst nach einer Unterbrechung durch einen Lachanfall des Fragestellers dazu, nebst seinen Favoriten auch die vier Geissen und rund 80 Wellensittiche zu nennen: «Ich kümmere mich hobbymässig um drei Esel...»
Von David A. Giger