18.06.2026 08:21
Wo Mythen auf die Gegenwart treffen
Die Webmaschinenhalle des Werk2 in Arbon erscheint seit letzter Woche in neuem Licht. Und dies nicht nur sprichwörtlich, sondern auch tatsächlich. Denn für die Ausstellung «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten» wurde in der Industriehalle eine Umgebung geschaffen, die tieferes Eintauchen ins Thema zum Kinderspiel macht.
Arbon Wenn man den Eingangsbereich von «Sehnsucht Mythos» betritt, wähnt man sich nicht in der der ersten interdisziplinären Ausstellung der sechs Thurgauer Museen, sondern viel mehr in einer der Thurgauer Landeskirchen. Die farbige Lichterflut im grossen, dunklen Raum erinnert stark an die mystische Stimmung, die von Bleiglasfenstern in Kirchen erzeugt wird. Dieser Effekt ist so gewollt, denn soll gleich von Anfang an gezeigt werden, dass Mythen in der persönlichen Wahrnehmung häufig etwas Mystisches an sich haben. Obwohl so eine Verbindung von Mystik zum Mythos geschaffen wird und beide Begriffe auch noch den gleichen Wortstamm zu teilen scheinen, haben die Worte griechischen Ursprungs grundverschiedene Bedeutungen. Doch dass Mythen, also Geschichten, die Ursprünge oder Weltbilder erklären, oft zu mystischen, spirituellen Erfahrungen bei uns Menschen führen, wäre schon einmal auf raffinierte Art bewiesen.
Rundgang durch Märchenwelt
Die eigentliche Ausstellung wartet jedoch erst hinter einem riesigen Stoffvorhang, der mit grünen Blättern und goldigen Äpfeln verziert ist, auf die Besucherinnen und Besucher. Und während man für ein paar Schritte in noch tiefere Dunkelheit tritt, werden Fragen aufgeworfen, die einen für den Rest der Ausstellung begleiten werden: Wo begegnen wir Mythen im Alltag? Wie beeinflussen Mythen dein Leben? Wie gehst du mit Mythen um?
Verantwortlich für diesen szenischen Einstieg in die Ausstellung sind Projektleiterin Noemi Bearth und Kuratorin Stephanie Müller. Während einer Führung vor der offiziellen Eröffnung letzten Donnerstag erklären sie Medienschaffenden das Konzept der Ausstellung und beantworten deren Fragen. Und Fragen gibt es viele, was nicht nur am speziellen Aufbau der Ausstellung, sondern vor allem auch am Thema an sich liegt. «Es gibt keine eindeutige Definition von Mythos. Ich wollte jedoch keine Gegenüberstellung von Mythos und Geschichte, von Fake und Wahrheit machen», erklärt Kuratorin und Historikerin Stephanie Müller. Mythen sind nämlich nicht einfach nur Märchen, Sagen und Legenden, die uns mit einer Geschichte unterhalten sollen. Im ursprünglichen Wortgebrauch ging es um eine Geschichte über einen Gott oder Helden bei den Alten Griechen. Fragt man heute den Duden, was er unter dem Wort «Mythos» versteht, dann erhält man zwei Antworten. Als Erstes sei es eine «Überlieferung, überlieferte Dichtung, Sage, Erzählung o. Ä. aus der Vorzeit eines Volkes (die sich besonders mit Göttern, Dämonen, Entstehung der Welt, Erschaffung der Menschen befasst)». Und als Zweites sei es eine «Person, Sache, Begebenheit, die (aus meist verschwommenen, irrationalen Vorstellungen heraus) glorifiziert wird, legendären Charakter hat.» Die Definition des Wortes ist also extrem breit gefasst und umspannt fast alles, was in der Vergangenheit liegt. «Der Mythos ist selbst ein Mythos», sagt darum Stephanie Müller während des Rundgangs durch die Ausstellung, in der auf rund 500 Quadratmetern viele spannende Informationen und Artefakte aus den Thurgauer Museen und anderen Leihgebenden zu sehen sind. Dass kleine und grosse aufeinandergestapelte Obst- und Gemüsekisten für diese als «Präsentationsinseln» dienen und Lampen und Bildschirme in keinem einheitlichen «Gewand» daherkommen, ist ein sympathisch wirkendes Detail der Ausstellung. Denn mit einem Budget von 300'000 Franken pro Jahr für die Zwischennutzung sei es eine Notwendigkeit gewesen, auf gewisse Dinge zu verzichten, erklärt Noemi Bearth, Projektleiterin und Direktorin des Historischen Museums Thurgau: «Für mich sind Ausstellungen aber vor allem nachhaltig, wenn wir sie länger zeigen können.» Und genau dies ist möglich bei der Zwischennutzung des Themenhauses «Museum Werk2». Denn in Webmaschinenhalle werden noch bis am 22. November Mythen das Sagen haben.
Anfang eines Abenteuers
Die Ausstellung ist so aufgebaut, dass sie vor allem auch für Kinder ein besonderes Abenteuer wird. Denn durch ein persönliches Mythenbuch wird aus dem Ausstellungsrundgang ein interaktives und partizipatives Ausstellungserlebnis. Zudem gibt es viele begleitende Veranstaltungen rund ums Thema Mythos. Und auch vor der drohenden Sommerhitze muss man sich nicht fürchten. Denn nicht nur die Fensterfront im Eingangsbereich wurde mit Folien überzogen, erklärt Noemi Bearth: «Alle Fenster in der alten Webmaschinenhalle wurden mit UV-Folien ausgestattet. Dies ist nicht nur ein Schutz für die Ausstellungsobjekte, sondern soll auch die Temperatur in der Halle um drei bis vier Grad senken.»
Ein Besuch der Ausstellung lohnt sich darum auf alle Fälle – und dies nicht nur für Kinder und an Mythologie Interessierte. Denn die 13 verschiedenen behandelten Mythen – von Mostindien über Wilhelm Tell bis hin zum bösen Wolf – zeigen eindrücklich auf, welchen unglaublichen Stellenwert Geschichten für unsere Vorfahren hatten und welche Rolle sie auch in unseren Leben noch immer spielen. Und in Zeiten von Fake-News ist es wahrscheinlich für niemanden schlecht einzusehen, dass der Wahrheitsgehalt für die Wirkung einer Geschichte oft nebensächlich ist.
www.werk2.tg.ch
Von David A. Giger