30.04.2026 07:15
Vogel-Virus im Techniklabor
Das Bildungszentrum Arbon ist das Thurgauer Berufsschulzentrum für Dienstleistungsberufe in den Bereichen Detailhandel, Logistik und Medizin. Im Kellergeschoss haben sich jedoch ein paar exotische Vögel eingenistet, die nicht nur Roboter bezirzen, sondern deren Herz auch für alles andere Technische schlägt.
Arbon Wer noch nie von Birdypol oder vom RoboTech Lab gehört hat, dem würde nie in den Sinn kommen, dass im Kellergeschoss des Bildungszentrums Arbon ein Labor voller Roboter und anderer Hightech-Maschinen steht. Denn normalerweise sind Technik und Dienstleistungen zwei verschiedene Paar Schuhe, die nur wenige Berührungspunkte haben. Nicht so in Arbon, wo Niklaus «Niki» Vogel den Spagat zwischen den beiden «Welten» meistert. Denn als die technischen Berufe im Jahr 2020 alle nach Frauenfeld zogen, rebellierte der Arboner Technik-Fan: «Ich gab allen zu verstehen, dass ich es nicht aushalten werde, wenn die Kinder plötzlich nichts mehr machen können. Denn ich will, dass Kinder Freude an der Technik bekommen.»
Faszination Technik
Dass das Techniklabor von Birdypol heute noch im Kellergeschoss des Bildungszentrums Arbon steht, sei vor allem dem Einsatz des Hausherrn zu verdanken, ist Niki Vogel überzeugt: «Rektor Daniel Bösch ist ein Segen für uns.» Dass im Labor ganz viele verschiedenen technischen Maschinen stehen, ist jedoch ganz klar das Verdienst von Niki Vogel. Denn wenn er Wind davon kriege, dass irgendwo ein alter Roboter ausgemustert werde oder Neuanschaffungen bei anderen Maschinen getätigt wurden, dann sei er zur Stelle: «Mir ist es egal, wenn eine Maschine oder ein PC alt sind. Denn das Wichtigste ist nicht, auf neustem Stand zu sein, sondern den Prozess zu beherrschen.»
Und diese Philosophie fliesst eins zu eins in die Workshops und Ateliers von Birdypol ein. Denn Niki Vogel ist vor allem Technik-Fan und nicht Unternehmer: «Ich bin der falsche Mann für kommerzielle Zwecke. Denn ich würde wohl vor lauter Freude am Funktionieren eines neuen Projekts ganz vergessen, eine Rechnung zu stellen.» Darum konzentriere er sich auf das Praktische, während sein Sohn Manuel für den wirtschaftlichen Teil von Birdypol verantwortlich sei.
Ganz anders sieht die Situation jedoch aus, wenn Niki Vogel etwas für seine Schützlinge braucht und nicht die nötigen finanziellen Mittel dazu hat. Dann verwandelt er sich nämlich in einen sensationellen Verkäufer, der möglichen Gönnern eine Investition in die Jugend unglaublich schmackhaft machen kann. «Ich finde immer irgendwie einen Weg», meint er dazu. Denn durch sein unglaublich breites Bekanntschaft-Netzwerk, das nicht nur ehemalige Berufskollegen und Stiften umfasst, sondern auch deren Kinder, Enkel und Freunde, seien seine Wege «immer sehr kurz».
Woher diese Faszination für alles Technische stammt, erfährt man bei der Führung durchs RoboTech Lab fetzenweise. So meint er einmal beim Mikroskop, dass sein Grossvater bei Saurer etwas Ähnliches gemacht habe, nur mechanisch. Und das frühere Arboner Vorzeigeunternehmen sei es dann schliesslich auch gewesen, dass die Weichen für seine technische Karriere gestellt hätte: «Wir machten in der dritten Sek einen Ausflug zu Saurer. Und das hat dann den Ausschlag gegeben, dass ich mich für eine Lehre bei Wild Heerbrugg entschied.»
Der Vogel-Virus
Wild Heerbrugg ist heute Teil von Leica Geosystems. Dass Niki Vogel auch zur Nachfolgefirma seines Lehrlingsbetriebs beste Beziehungen hat, ist zwar alles andere als eine Überraschung, liegt aber vor allem auch an einem ehemaligen Lehr- und Schützling, der heute dort als Abteilungsleiter tätig ist. «Meine Berufslaufbahn wurde massgeblich von Niki geprägt. Er hat mich angesteckt mit dem Vogel-Virus», meint Ben Schöll aus Bischofszell, wenn er auf seinen Mentor angesprochen wird. Beim Besuch im RoboTech Lab kommen schnell Erinnerungen auf, als er Lehrling war und von Niki Vogel unter seine Fittiche genommen wurde. «Du kriegst eine Aufgabe gestellt und fühlst dich erst einmal total überfordert. Denn du bist dir sicher, dass du das nicht kannst», erinnert sich Ben Schöll an den Moment als ihm Niki Vogel eine alte Holz-Fräsmaschine präsentierte und ihn aufforderte, diese um eine Dimension zu erweitern, so dass man nicht nur zweidimensional, sondern dreidimensional fräsen könne. Und trotz der anfänglichen Zweifel sei das Projekt ein Erfolg geworden, meint Niki Vogel und verschwindet für einen Moment im hinteren Teil des Labors. Zurück kommt er mit dem Beweis, einer dreidimensional gefrästen Designer-Holztafel. «Niki meinte damals, dass wir das zusammen schaffen würden – und so war es auch. Ich glaube darum, dass es manchmal einfach Menschen braucht, die das Gen in einem aktivieren oder eben einem das Virus geben», meint Ben Schöll.
Talente entdecken
Damit man Talente fördern kann, müssen sie zuerst entdeckt werden. Gerade bei technischen Fähigkeiten, die nicht zum Standardlehrplan gehören, ist dies jedoch oft schwierig. Denn welche Schule hat eine Flotte von eigenen Hochleistung-Industrie-Robotern, von professionellen 3D-Druckern und Optischen Mikroskopen? Bei Birdypol hingegen ist alles vorhanden. Und einen Besuch des Labors macht ein Angebot des Kantons Thurgau möglich, die Begabungs- und Begabtenförderung BBF. «Zusammen mit Tobias Kreis und Andreas Senn betreuen wir jährlich rund 300 Schülerinnen und Schüler von der dritten bis in die siebte Klasse. Das Angebot steht jedem Kind offen – und dies kostenlos und teilweise während der Schulzeit», so Niki Vogel.
Das Angebot von Birdypol ist bewusst sehr breit, umfasst nebst technischen Berufen auch jenen des Mediamatikers und somit KI. Denn je grösser die Auswahl, desto grösser sei auch die Wahrscheinlichkeit, dass jemand «sein Ding» findet: «Wir zeigen allen Schülerinnen und Schülern unser ganzes Angebot. Doch wenn jemand irgendwo anbeisst, dann lassen wir ihn dort arbeiten.» Zudem gehört zu Birdypol auch die Talent Factory, in der Auszubildende von Industriebetrieben der Region ihre praxisorientierten Kompetenzen stärken können.
Als Erfolgsbeispiel kommt Niki Vogel während der Labor-Führung immer wieder auf «Dani» zu sprechen, für den Schule auch wegen seiner Legasthenie alles andere als eine Freude gewesen sei. Der Besuch im RoboTech Lab habe jedoch etwas bewirkt, wie Danis Mutter in einem Testimonial auf der Webseite von BBF erklärt: «Im Atelier der Begabungsförderung ist er mit seinen technischen, denkerischen und kreativen Fähigkeiten erkannt worden. Das Atelier ist für ihn wie ein Fenster in die Zukunft, in die Realität gewesen.»
Die Faszination von Niki Vogel für Technik und das Weitergeben der Leidenschaft an die nächste Generation ist nicht nur jederzeit während der Führung spürbar, sondern auch ansteckend. So kann er mit solch einer Begeisterung von einem «Rastertunnelmikroskop» erzählen, das er zusammen mit 22 Stiften gebaut hat, dass man selbst Freude daran bekommt, obwohl man keine Ahnung hat, worum es sich dabei überhaupt handelt. «Wir konnten mit ihm den Nanometer anfassen», macht Niki Vogel das spezielle Mikroskop etwas verständlicher und kommt damit gleich auch auf einen Grundsatz zu sprechen, der im RoboTech Lab Programm ist: «Und Begreifen kommt ja angeblich von Greifen.»
www.birdypol.com
www.bbf.tg.ch
Von David A. Giger