14.11.2025 08:35
Völkerverständigung mit Suppe
Der kürzeste Weg von einer Kultur zu einer anderen geht über den Gaumen. Diese Erkenntnis hat Paula Silva aus Romanshorn dazu veranlasst, das Weltsuppenfestival SOPA auf die Beine zu stellen. Wie diese Völkerverständigung mit Suppe funktioniert, konnte letzten Samstag, 8. November, im Pentorama in Amriswil Löffel um Löffel in Erfahrung gebracht werden.
Amriswil Während es in den Sommermonaten einige internationale Festivals gibt, sinkt mit den Temperaturen anscheinend auch der Wille zum offenen Austausch zwischen verschiedenen Kulturen und Nationen. Hier bildet SOPA eine Ausnahme – und dies aus gutem Grund, erklärt Gründerin und Organisatorin Paula Silva: «Obwohl sie etwas aus der Mode geraten sind, gibt es wohl keine bessere Kultur-Visitenkarte aus einem Land als Suppen.»
Dass sich hier jemand mit Leidenschaft für die kulinarische Völkerverständigung einsetzt, war schon vor dem Besuch von SOPA offensichtlich. Denn auf die kurze Ankündigung des Besuchs Mitte letzter Woche, folgte eine Mail als Antwort, die wohl genügend Stoff für einen ganzen Artikel geliefert hätte. «Im Gegensatz zu ein paar anderen Kulturfesten kann man am SOPA kaum Geld machen. Die liebevollen Menschen machen es aus Liebe, um zeigen zu können, was ihr Verein für Vereinsarbeit leistet», schrieb Paula Silva. Und sowohl den mitmachenden Kulturvereinen als auch Sportvereinen sei es darum ein Anliegen, den Besuch des Anlasses für alle erschwinglich zu machen: «Wir setzen uns alle ein, weil uns bewusst ist, dass viele Familien finanzielle Probleme haben und sie oft keine Möglichkeit haben, in den Ausgang zu gehen.»
Und damit ein weiteres Anliegen von Paula Silva auch garantiert nicht vergessen geht, hier gleich ein paar Lorbeeren an die tatkräftigen Unterstützer im Hintergrund: «Der Kanton, die Stadt Amriswil, die Schulgemeinde Amriswil sowie die REA Amriswil verstehen unser Anliegen und unser Engagement. Sie unterstützen uns darum entweder finanziell oder materiell.»
Eine kulinarische Weltreise
Was jedoch in einem Mail nicht wiedergegeben werden kann, ist die kulinarische Vielfalt, die das SOPA bot. Denn da wurde von einer Thurgauer Mostsuppe vom Sportclub Hatswil über eine Buchstabensuppe vom Schulmuseum und vegane oder «normale» Gerstensuppe vom «Dream Team» bis hin zu einer Rindfleischsuppe, «Mereq» genannt, vom Eritreischen Kulturverein Oberthurgau die ganze Bandbreite an Suppenvariationen offeriert. Und dies alles für 2 Franken pro Kind, 9 Franken pro Erwachsener und 20 Franken pro Familie!
Schnell zeigt sich, dass die Zutaten für Suppen auch in anderen Ländern oftmals ähnliche sind wie bei uns. So bot zum Beispiel der Albanische Kulturverein «Sharri» aus Romanshorn nebst einer Hühnersuppe auch eine Mehlsuppe an. Obwohl wir eine solche auch aus Basel kennen, ist die albanische Variante nicht nur farblich anders – eher gelblich als bräunlich – sondern schmeckt auch ganz anders. Ungewohnt anders, aber bestimmt mindestens so lecker!
Und auch die Erbsensuppe aus Brasilien, «Sopa de Ervilha», die vom neu gegründeten Verein SAPER angeboten wurde, dürfte in unseren Gefilden nicht unbekannt sein. Ganz im Gegensatz zur zweiten Suppe des Vereins, der wohltätige Projekte in Rio unterstützt. Denn «Caldo de Aipim» ist eine köstliche Manioksuppe, die geschmacklich etwas absolut Ungewohntes für den Schweizer Gaumen ist.
Beim Club kochender Männer Altbohl gibt es etwas Altbekanntes mit etwas Schärfe, nämlich Kürbiscremesuppe mit Ingwer. «Die Suppe ist nicht nur vegetarisch, sondern auch laktose- und glutenfrei», erklärt Roland, einer der Köche. Obwohl er meint, dass dies vom Veranstalter so vorgegeben wurde, unterbricht und widerspricht ihm ein Koch-Kollege und teilt den wahren Grund mit für die spezielle Zubereitungsweise: «Weil wir es können!».
Mehr als ein Gericht
Einen Stand weiter wartet schon die nächste Suppenspezialität auf ihre Verköstigung. «Fasolada» ist eine griechische Bohnensuppe, die im ganzen Land bekannt sei, jedoch ihre Herkunft im nördlichen Teil von Griechenland habe. Nebst weissen Bohnen werden noch viele andere Gemüse mitgekocht, erzählt Evangelos, der Präsident des Griechischen Vereins Amriswil: «Wir verwenden nur natürliche Zutaten, unter anderem Stangensellerie aus dem eigenen Garten. Denn solche Kleinigkeiten machen beim Kochen einen Unterschied.»
Eine weitere Kleinigkeit, die einen grossen Unterschied machen soll, sei das vorgängige Wässern der Bohnen, erklärt Evangelos: «Wir legen die Bohnen immer über Nacht in Wasser ein. Dann gibt es keine Probleme mit dem Bauch.» Obwohl er das Wort «furzen» nicht in den Mund nehmen will, meinte er genau das und machte damit auf einen kulturellen Unterschied zu uns Schweizern aufmerksam. Denn mit dem Spruch «Jedes Böhnli macht es Tönli» wird man in Griechenland auf wenig Verständnis stossen.
Auf der Kochschürze von Evangelos ist auch zu sehen, dass er mit seinem Verein schon bei der ersten Ausgabe von SOPA im Jahr 2018 mit von der Partie war. Und an der Menge Suppe, die jeweils fürs Suppenfestival gekocht wird, zeigt sich auch die Beliebtheit der griechischen Spezialität: «Wir haben heute 50 Liter Suppe gekocht. Doch diese wird wahrscheinlich wiederum nicht bis zum Ende der Veranstaltung reichen.»
Eine wirklich spezielle Suppe ist «Ezogelin». Die vom Verband islamische Kulturzentren Romanshorn zubereitete «Brautsuppe» schmeckt nämlich nicht nur speziell gut, sondern erzählt auch eine schöne Geschichte. «Eine Frau namens 'Ezo' hat als sie Braut war, türkisch 'Gelin', einmal eine solch gute Suppe gekocht, dass ihr Rezept in der Folge weitergereicht wurde und heute an keiner Hochzeit in der Türkei fehlen darf», erklärt Bekir. Wer also in der Türkei eine gute Suppe kocht, macht sich überall Freunde – vor allem jedoch in kleinen Dörfern in Anatolien.
Friede, Freude, Suppenspezialität
SOPA ist definitiv einen Besuch wert. Denn nicht nur das kulinarische Angebot überzeugte, sondern auch für Unterhaltung wurde von verschiedenen Vereinen gesorgt. So wurde zum Beispiel von der «Glöggli Clique» die Fasnacht extra ein paar Tage zu früh eingeläutet. Dies führte dazu, dass es für einen Moment ohrenbetäubend laut in der Halle wurde. Doch selbst dies tat der fröhlichen und gelassen Stimmung keinen Abbruch. Und Paula Silva ist genau wegen diesem speziellen, lebhaften Ambiente der festen Überzeugung, dass durch das Kennenlernen von neuen Suppen nicht nur die Hemmungen gegenüber fremden Küchen verschwinden: «Du hast nur Berührungsängste, wenn Du etwas nicht kennst.»
Obwohl Kulturvermittlung über den Gaumen bestens funktioniert, hat sie dennoch einen grossen Nachteil: Die Grösse eines Magens. Obwohl eigentlich geplant war, alle Suppen von den 11 Ständen zu degustieren, wurde diesem Vorhaben von allen Köchinnen und Köchen ein Strich durch die Rechnung gemacht. Denn die Dame von der Portugiesischen Folkloregruppe «Dcdnt» aus Arbon war nicht die erste, die beim Schöpfen von «Sopa de pedra», einer Steinsuppe, null Rücksicht auf die gewünschte Menge nahm und die Suppenschüssel bis an den Rand füllte. Dies führte dann schliesslich zu einem abrupten Ende der kulinarischen Reise, so dass nicht einmal mehr ein alkoholfreier Cocktail vom Jugendtreff Amriswil zum Dessert drin lag.
Diese totale Sättigung scheint einen weiteren Punkt hervorzuheben, der wohl nebst dem Einblick in die kulinarische Vielfalt unserer Welt und der gelebten Offenheit gegenüber anderen Kulturen alle Teilnehmer am Suppenfestival verbindet: Die tiefe Überzeugung, dass Grosszügigkeit die Visitenkarte von jeder Kultur aufwertet.
Von David A. Giger