05.02.2026 08:28
Rauchige Handwerkskunst
Pfeifen gibt es wohl schon so lange wie der Mensch weiss, dass der Rauch von Tabak und anderen Pflanzen nicht nur bekömmlich riecht, sondern auch etwas mit einem anstellt. Der Beruf des Pfeifenbauers ist im Zuge der Rauchfrei-Bewegung jedoch schon fast in Vergessenheit geraten. Dank Idealisten wie Pius Hollenstein aus Amriswil feiert das traditionelle Handwerk nun ein Revival.
Amriswil Wer mit Pius Hollenstein über Pfeifen und deren Herstellung diskutiert, der merkt sehr schnell, dass hier ein passionierter Handwerker und Genussmensch am Werk ist. Denn das Wort «Rauchen» wird in einer solchen Selbstverständlichkeit mit dem Wort «Rauchvergnügen» ersetzt, dass am Ende des Besuchs im Zuhause des Pfeifenbauers in Amriswil die beiden als Synonyme angesehen werden. «Eine Pfeife muss in erster Linie gut ziehen. Denn das Rauchen soll ein Erlebnis sein, das Freude macht», meint Pius Hollenstein darum auch zum wichtigsten Grundsatz beim Bau einer Pfeife.
Dass es jedoch deutliche Unterschiede bei der Auffassung darüber gibt, was genau unter «Rauchvergnügen» verstanden wird, sei ganz normal und wohl ähnlich wie beim Konsum von anderen Genussmitteln. Denn es gebe doch auch Konsumenten, deren Massstäbe etwas grosszügiger seien: «Ambitionierte Pfeifenraucher rauchen an einem Tag so viel wie ich in einem Monat. Solche Raucher verbrauchen nicht selten vier Kilo Tabak im Jahr.»
Autodidakt mit Vorkenntnissen
Dass Pius Hollenstein sich erst seit vier Jahren mit dem Bau von Pfeifen beschäftigt, ist überraschend. Denn seine Pfeifen sehen nicht nur aus wie makellose, elegante Handwerks-Erzeugnisse, die über Jahrzehnte verbessert und verfeinert wurden, sondern sie fühlen sich auch so an. Sie liegen so gut in der Hand und fühlen sich so fein an, dass die Fingerkuppen gar nicht glauben wollen, dass sie etwas Hölzernes betasten. «All meine Pfeifen sind Handarbeit auf höchstem Niveau. Nur um ein Mundstück herzustellen, brauche ich dreieinhalb bis vier Stunden», sagt Pius Hollenstein. Dies vor allem deswegen, weil für jedes Mundstück und jeden Pfeifenkopf jeweils jedes einzelne Schleifpapier mit einer Körnung zwischen 40 und 1500 zum Einsatz kommt. «Nur so ist es möglich, dass beim Endprodukt keine Kratzer sichtbar sind», erklärt der gelernte Bau- und Möbelschreiner, der jedoch vor seiner Frühpensionierung mit 60 fast drei Jahrzehnte im Aussendienst tätig war.
Plötzlich greift der 63-Jährige nach einer seiner Pfeifen, zieht dessen Kopf das Mundstück ab und verlässt mit diesem in der Hand das Wohnzimmer. Zurück kommt er mit einem grossen Konservenglas gefüllt mit bunten Stäben, jeder in etwa zehn Zentimeter lang und wohl etwa zwei im Durchmesser: «Das sind Ebonit-Rohlinge für die Herstellung von Mundstücken. Ich bevorzuge dieses Material gegenüber Acryl, da es nicht so hart ist und sich samtiger anfühlt im Mund.» Er verwende zwar gelegentlich auch Horn, aus welchem in früheren Zeiten nahezu alle Pfeifenmundstücke hergestellt worden seien, jedoch nur zu Dekorationszwecken. Und für die Verschönerung der Pfeifen kommen gelegentlich noch ganz andere natürliche Materialien zum Einsatz – unter anderem auch solche, die über 10'000 Jahre alt sind: «Nur weil Mammutelfenbein so alt ist, kann es überhaupt legal erworben werden. Denn der Handel mit jungem Elfenbein ist verständlicherweise aufgrund des Tierschutzes verboten.»
Für den Pfeifenkopf verwendet Pius Hollenstein meistens Bruyèreholz. Dies nicht in erster Linie wegen der schönen Maserung, sondern wegen der besonderen Eigenschaften des Holzes vom Wurzelstock des Heidekrauts: «Bruyère hat einen Brennpunkt, der über 700 Grad liegt. Viele andere Holzsorten verbrennen bei den Temperaturen, die glühender Tabak erzeugt, und verkohlen dann.» Dies sei zum Beispiel bei Holz vom Kirsch-, Nuss- und Apfelbaum der Fall, habe er bei Experimenten selbst herausgefunden.
Bewährt habe sich nebst Bruyère bisher nur das Holz von Olivenbäumen und Mooreichen. Doch wahrscheinlich wird diese Liste in Zukunft noch länger werden, denn er sei immer ein bisschen am Experimentieren und wolle weiterhin, dass jede seiner Pfeifen ein Unikat wird: «Das Wichtigste beim Bau von neuen Pfeifen sind gute Ideen. Darum ist mein Hauptlager mein Hirn.»
Muse gefordert
Was noch überraschender ist als die Kürze seiner Karriere als Pfeifenbauer, ist der Umstand, dass jene als Pfeifenraucher nicht länger ist. «Meine Frau und ich sassen vor vier Jahren zusammen im Garten und als ich begann, eine Zigarre zu rauchen, meinte sie: 'Das stinkt – kannst Du nicht Pfeife rauchen?'», erinnert sich Pius Hollenstein an den Moment, der seinem Ruhestand komplett auf den Kopf stellte. Denn die Frage seiner Frau muss sich in seinen Ohren wie eine Aufforderung angehört haben – und dies nicht nur zum Pfeifenrauchen: «Ich habe mir dann unmittelbar auf Youtube ein dreissigminütiges Video über das Pfeifenbauen angeschaut und wusste dann sofort, dass dies genau mein Ding ist.»
Seit diesem Moment vor vier Jahren sind wohl nur wenige Tage vergangen, an denen er sich nicht handwerklich betätigte, um Pfeifen oder neue Werkzeuge für den Pfeifenbau herzustellen. Und Tage, an denen er sich im Geiste nicht auf irgendeine Weise mit dem Pfeifenbau beschäftigte, gab es garantiert keinen einzigen. «Ich baue Pfeifen aus Leidenschaft und nicht aus finanzieller Notwendigkeit. Die ersten drei Jahre habe ich darum rund 50 Pfeifen gebaut, ohne eine einzige zu verkaufen», meint er dazu.
Obwohl das Wichtigste einer Pfeife ihre Funktionalität sei, also dass alle Bohrungen perfekt ausgeführt worden sind, könne er sich nach dem Erlernen dieser Lektion nun auf die interessante, kreative Seite des Pfeifenbaus konzentrieren. Und diese Herausforderung, immer neue und noch aussergewöhnlichere Pfeifen zu bauen, sei seine neue Muse geworden, die sich sehr gut mit jener verstehe, die am Anfang dieses Abenteuers steht: «Eine Pfeife erfordert vom Raucher mehr Muse als eine Zigarre. Pfeifenrauchen ist darum ein Ritual, bei dem das Geniessen zelebriert werden muss.»
Von David A. Giger