Ohne Waldluft geht's nicht
Vor gut einem Jahr ist Jürg
Jürg Steffen
Vor gut einem Jahr ist Jürg
Region Wenn Jürg Steffen aus Halden eines nicht ist, dann ist es ein «Bürogummi». Der 66-Jährige macht darum auch keinen Hehl daraus, dass ihm Arbeitsumgebungen, in denen der Beton dominiert und die durch mehr als Baumkronen bedeckt sind, grundsätzlich suspekt vorkommen. «Ich fühlte mich einfach noch nie wohl in einem Bürostuhl», bringt er seine Abneigung gegen Büroarbeit und administrative Tätigkeiten auf den Punkt.
Seine Skepsis gegenüber Büroumgebungen hat Jürg Steffen wohl in erster Linie seiner Liebe für die Natur zu verdanken. Denn für ihn gibt es keinen schöneren Arbeitsplatz als den Wald. «Ich wollte nie ins Büro, habe aber trotzdem immer das nötige Administrative erledigt. Doch ohne Sekretärin wäre dies nie gegangen», blickt er auf seine 38 Jahre als Förster zurück. Er gibt aber auch klar zu verstehen, dass in den letzten Jahren der administrative Teil der Arbeit eines Försters extrem gewachsen sei: «Vor 40 Jahren war der Job noch sehr attraktiv. Doch die überbordende Bürokratie wird immer mehr zu einem Problem.» Dies führe vielerorts dazu, dass man mit Arbeiten im Wald nicht nachkomme und die Pendenzenliste immer grösser werde: «Dies alles ist dem Wald nicht dienlich. Denn der administrative Mehraufwand hat oft keinen Nutzen.»
Wer sich mit Jürg Steffen über den Wald unterhält, der merkt sehr schnell, dass ihm dessen Wohl am Herzen liegt. Seine Überlegungen sind nicht nur durch eine eindrückliche Weitsicht gekennzeichnet, sondern beziehen immer auch die ständigen und natürlichen Waldbewohner ein. Diese sind auch einer der Gründe, wieso er der wachsenden Beliebtheit von Freizeitausflügen in den Wald nicht nur Positives abgewinnen kann. «Vor allem fürs Wild ist es teilweise schwierig geworden, Rückzugsorte zu finden», meint der Förster. Vor allem seit der Corona-Pandemie sei der Wald zu einem richtigen Trend-Ort geworden, denn biete er einen Gegenpol zu einem anderen Trend – dem verdichteten Bauen: «Heute wollen viele Menschen am Wochenende raus in die Natur. Dies hat dazu geführt, dass an Samstagen und Sonntagen der Wald vielerorts regelrecht überlaufen wird.»
Das Wohl des Wildes ist auch einer der Gründe, wieso Jürg Steffen immer noch junge Fichten setzt. Obwohl der Nadelbaum schlecht gerüstet ist für Hitze und Trockenheit und er bei solchen Bedingungen «gefundenes Fressen» für den Borkenkäfer ist, spiele er doch noch immer eine wichtige Rolle im Wald: «Den Klimawandel haben wir – das ist unbestritten. Dennoch sollten wir an gewissen Standorten weiterhin Fichten setzen, denn sie sorgen für das Dickicht, wo sich das Wild ungestört zurückziehen kann.»
Dieser Wunsch scheint jedoch nicht überall geteilt zu werden. Denn während man für das Anpflanzen von Laubholz Pflegebeiträge zugute hat, sehe es beim Nadelholz anders aus. Dies ist jedoch für Jürg Steffen kein Grund, seine Einschätzung oder seine Arbeitsweise zu ändern – und war es auch nie in der Vergangenheit: «Ich habe in meinen Revieren immer schon auf Mischwald gesetzt und in jedem Bestand mindestens fünf bis zehn verschiedene Baumarten gepflanzt. Denn ein Mischwald hat eine viel bessere Risikoverteilung als Monokulturen.» So würden Hitze, Schnee, Trockenheit, Insekten oder Krankheiten zwar einzelnen Bäumen zusetzen, doch gebe es in einem Mischwald immer Baumarten, die zäher und stärker als die anderen seien. «Ich wurde schon in der Försterschule für diesen Ansatz belächelt», erinnert sich Jürg Steffen. Denn dort habe er eigentlich gelernt, dass man Bestände schachbrettartig anlegen solle, also an einem Ort nur Buchen und dann daneben nur Eschen und nur Eichen. «Ich habe dieses Vorgehen jedoch nie befürwortet und bin meinen eigenen Weg gegangen», sagt Jürg Steffen dazu.
Obwohl dieser eigene Weg nicht nur im Widerspruch zu Lektionen seiner Ausbildung stand, sondern sich des Öfteren auch von kantonalen oder nationalen Vorgaben unterschied, war beim Förster immer seine tiefe Überzeugung ausschlaggebend. «Mein Vorteil war sicher auch, dass viele Waldgänger glaubten, der Bischofszeller Wald liege im Kanton St.Gallen. Und weil Frauenfeld doch auch eine halbe Stunde Fahrzeit entfernt ist, hatte ich glücklicherweise sehr wenig zu tun mit dem Kanton», meint er und schmunzelt.
Was jedoch sicherlich auch das Seinige dazu beitrug, von hoheitlicher Seite in Ruhe gelassen zu werden, war die Fachkompetenz des Försters. Denn am Ursprung dieses Berichts stehen mehrere Wortmeldungen von waldaffinen Menschen, die die Arbeit des Försters in höchsten Tönen gelobt haben. Dazu will Jürg Steffen eigentlich nichts sagen, ringt sich dann aber doch noch zu einem Statement durch: «Es gab schon ein paar Waldbesitzer, die mir nach 10 Jahren gesagt haben, dass ich eigentlich schon recht hatte.»
Doch recht habe er definitiv nicht immer gehabt. Vor allem auch, weil er immer wieder mit «Exoten» experimentiert habe. Dies sei zwar lange Zeit total verpönt gewesen, doch habe er viel von diesen Lektionen lernen können. Um diesen Umstand zu unterstreichen, verlässt er kurzerhand den Waldweg, läuft zielstrebig eine Böschung hinunter und nimmt etwas Stacheliges vom Boden auf: «Diese Edelkastanie habe ich vor gut 30 Jahren hier gesetzt. Jetzt steht hier nicht nur ein Baum mit hochwertigem Holz, sondern es hat auch Marroni für die Tiere.» Insbesondere Mäuse würden die nahrhaften Kastanien schätzen, doch auch Wildschweine und andere Waldbewohner würden sich bedienen.
Nach kurzer Suche in unmittelbarer Umgebung des Stamms hat Jürg Steffen einige schöne Edelkastanien zusammengesammelt. Dies tat er nicht, um sie über dem Feuer zu rösten und heiss zu verspeisen, sondern aus einem ganz anderen Grund: «Ich habe immer schon Nüsse, Eicheln und Edelkastanien gesammelt und sie auf Bepflanzungsflächen gestupft. Denn Kernwüchse sind vitaler und robuster gegen Umwelteinflüsse als Pflanzen aus einer Baumschule.»
Für Jürg Steffen war seine Beschäftigung als Förster wohl nicht nur ein Beruf, sondern vielmehr eine Berufung. Darum ist auch jetzt nicht Schluss – weder mit der Arbeit im Wald noch mit der Beratung von Bekannten: «Ich habe eine Vielzahl von Waldbesitzern, die mich fragen, ob ich die Waldpflege für sie übernehmen könne. Und zudem habe ich noch selbst zweieinhalb Hektaren im Hudelmoos, um die ich mich kümmern muss.»
Die grosse Nachfrage nach seinem Wissensschatz und seiner Erfahrung ist alles andere als eine Überraschung. Denn zu jeder einzelnen Baumart hat er etwas zu sagen, zu jeder hat er ein paar Dutzend Geschichten parat. So sei zum Beispiel der Bischofsberg schlecht für Buchen, da der ganze Untergrund aus Kies bestehe. Zur Hagebuche meint er, dass sie zu den härtesten Hölzern in unseren Wäldern gehöre und ihr Holz früher für Radnaben und Holzhämmer gebraucht wurde. Und ein paar Linden habe er in fast jedem Jungbestand angepflanzt – und dies nicht in erster Linie wegen des Holzes, sondern wegen der Blätter: «Guten Humus aufzubauen, ist etwas vom Wichtigsten für einen gesunden Wald. Durch einen schnellen Blattabbau, wie bei der Linde innerhalb eines Jahres, besteht viel weniger die Gefahr, dass sich der Humus übersäuert.»
Obwohl Jürg Steffen an viele Zusammenhänge im Wald denkt, die dem Laien niemals in den Sinn kämen, ist er doch auch Pragmatiker: «Der wirtschaftliche Faktor ist bei meiner Tätigkeit immer an erster Stelle gestanden.» Darum sei das Ziel auch immer gewesen, möglichst hochwertiges Holz zu erhalten. Und genau darum habe er stets Unverständnis dafür gezeigt, wenn aus dem Holz eines gefällten Baums nicht das Maximum herausgeholt wurde: «Denn mit Brennholz lassen sich heute keine Löhne mehr zahlen.» Zudem sollte Holz auch dazu dienen, Schadstoffe aus der Luft möglichst lange zu binden: «So wird diese Verschmutzung in einem schönen Tisch oder massiven Balken für mehrere Jahrzehnte konserviert.»
Dieser Bericht liesse sich ohne Weiteres noch um viele weitere spannende Episoden aus dem Wald ergänzen. Denn Jürg Steffen hat einiges erlebt in fast vier Jahrzehnten als Förster und ist gerne bereit, seine Einsichten mit Interessierten zu teilen. Doch zum Schluss sollen nur noch zwei Grundsätze angesprochen werden, die mit Respekt zu tun haben und für Jürg Steffen einfach in den Wald gehören. «Von nichts, kommt nichts. Wenn du deinem Wald keine Sorge trägst und nicht auf deine Bäume schaust, dann darfst du auch nichts erwarten», ist der erste Grundsatz. Der zweite beziehe sich auf die Waldbesitzer, denn würden die Wünsche dieser heute leider oft zu kurz kommen und nicht mehr respektiert werden, so Jürg Steffen: «Wenn sie die Natur respektieren und es der Gesellschaft zugute kommt, dann lasst sie machen!»
Lade Fotos..