Die «Lismärrundi» im Haus Holzenstein in Romanshorn, die alle zwei Wochen am Dienstagnachmittag stattfindet, versammelte sich für ein Foto im Halbrund – ohne dabei von ihrer geliebten Tätigkeit abzulassen.
05.03.2026 07:31
Millionen von Maschen für den guten Zweck
Gibt es etwas Schöneres, als seinem Hobby nachzugehen, die Gesellschaft von Gleichgesinnten zu geniessen und zu allem Überfluss dabei auch noch wohltätige Arbeit zu verrichten? Für die Teilnehmerinnen der «Lismärrundi» ist die Frage schnell beantwortet, denn dank der Fähigkeit des Multitaskings wird die wohl-tätige Arbeit überhaupt nicht als Arbeit wahrgenommen.
Romanshorn Jeweils 12 bis 15 passionierte Lismerinnen treffen sich jeden zweiten Dienstagnachmittag in der Cafeteria des Hauses Holzenstein in Romanshorn, um gemeinsam ihr Hobby auszuüben. Schon nach kurzem Beobachten merkt man jedoch, dass die «Lismärrundi» viel mehr als eine Versammlung von Hobby-Strickerinnen ist. Denn obwohl Stricken das verbindende Element ist, scheint es doch auch eine Nebensache zu sein.
Wer bei der «Lismärrundi» im Haus Holzenstein zu Besuch ist, dem fällt sofort auf, dass hier das Gesellige im Vordergrund steht und nicht das Lismen. Denn Lismen ist ein «Nebenjob», eine Tätigkeit, die man nebenbei erledigen kann und bei der man zur gleichen Zeit die Gesellschaft seiner Freundinnen geniessen darf – und dies ohne Qualitätseinbussen bei der Arbeit, wie es scheint.
Talent für Multitasking
Eine geübte Lismerin ist ein Phänomen. Wenn man ihr zuschaut, wie sie mit Kolleginnen über Gott und die Welt spricht, dabei den Kopf nach rechts und links dreht, lacht, schmunzelt, die Stirn runzelt und durch viele andere Körperreaktionen ihre totale Teilnahme an der Konversation bezeugt, wirkt alles noch normal. Doch senkt man den Blick gelegentlich auf die Hände und sieht man, was zwei flinke Hände währenddessen mit zwei Nadeln unternehmen, dann versteht man die Welt nicht mehr. – Wie ist das möglich? Wer steuert die Hände? Und wie um Himmels willen kann einem bei einer solchen Überforderung der Sinne zum Lachen zumute sein?
Alles Fragen, die von einigen Lismerinnen der «Lismärrundi» beantwortet werden können, denn tritt dieses Phänomen dort häufig auf. «Wenn's spannend wird beim Skirennen, dann leg ich meine 'Lismette' schon auch einmal zur Seite», meint eine Lismerin auf das Multitasking angesprochen. Eine andere meint, dass es auch auf die Arbeit ankäme: «Wenn man sich für die 'Lismärrundi' trifft, nimmt man nicht die schwerste Arbeit mit.» Doch grundsätzlich sind alle einfach der Meinung, dass dies selbstverständlich ist. Man lismet einfach nebenbei – und dies wohl nicht nur bewusst, wie eine Lismerin neckisch ihrer Kollegin vorhält: «Du bist wahrscheinlich sogar im Schlaf am Lismen!»
Doch obwohl alle Teilnehmerinnen in der Strickrunde am Stricken sind, es von Wolle wimmelt und doch auch einige Strickanleitungen auf dem Tisch liegen, scheint das Stricken nebensächlich zu sein. «Das Zusammensein ist wichtig. Man darf bei uns darum auch für sich selbst lismen», meint eine Lismerin und spricht damit ein Thema an, dass die «Lismärrundi» noch spezieller macht.
Lismen für den guten Zweck
Denn was die «Lismärrundi», bei der jeweils 12 bis 15 Lismerinnen aus dem Haus Holzenstein und der näheren Umgebung teilnehmen, mit dem Ausüben ihres Hobbys in den letzten zehn Jahren geleistet hat, ist schier unglaublich: Sie haben mit dem Verkauf ihrer Stricksachen rund 20'000 Franken gesammelt und alles für einen guten Zweck gespendet. Cornelia Neff, die vor zehn Jahren die «Lismärrundi» ins Leben gerufen hat und noch heute leitet, ist es wichtig, dass der Dank anderen gebührt: «Wir möchten uns bei dieser Gelegenheit bei unseren treuen Kunden bedanken – für Aufträge, aber auch für Wollspenden. Ohne diese Unterstützung wäre unser Projekt nicht möglich.» Am Anfang sei vor allem das Lismen im Vordergrund gestanden, erst im Laufe der Zeit sei dann der Wunsch dazugekommen, damit etwas Gutes zu tun, erklärt eine andere Lismerin: «Meine Leidenschaft ist Lismen. Doch irgendwann ist der Kleiderschrank einfach voll.»
Und so kam es, dass man begann, nebst der eigenen Familie und des Freundeskreises auch andere Menschen mit Wollsachen zu versorgen. Die fertigen Stricksachen werden in einer Verkaufsecke im Haus Holzenstein und in «Karins Schwedenhüsli» in Altnau angeboten – und man kann auch bei der «Lismärrundi» Bestellungen aufgeben. «Wir lismen alles – von Finken bis zum Sonnenhut», meint eine Lismerin.
Wie viele Maschen so schon für den guten Zweck geknüpft wurden, wagt niemand in der «Lismärrundi» zu schätzen. Doch dass schon einige Stunden Arbeit investiert wurden, weiss eine Lismerin, die schon einmal eine Zeitmessung beim Lismen vorgenommen hat: «Für ein Paar Socken brauchte ich 13 Stunden.» Man kann sich also ausrechnen, wie viele Stunden nur schon für die Socken auf der Auslage im Haus Holzenstein investiert wurden. Dazu gibt es nur eines zu sagen:Chapeau!
Lismen verbindet
Was in der «Lismärrundi» auch in Erfahrung gebracht werden konnte, ist, dass Lismen nicht gleich Lismen ist. «In unserer Runde ist normalerweise auch eine Holländerin dabei. Die lismet ganz anders als wir», sagt eine Lismerin und erhält sofort Unterstützung von einer Kollegin: «Auch in Italien und den USA lismen sie anders. Und Linkshänder lismen selbstverständlich auch seitenverkehrt.» Doch nicht nur die Techniken unterscheiden sich, sondern auch die Dicke der Stricknadeln und ihr Material. «Früher hat's beim Lismen noch geklimpert», erinnert sich eine Lismerin. Eine andere ist froh, dass diese Zeiten längst vorbei sind und sie mit Holznadeln lismen kann: «Mit Metallnadeln machten mir die Hände so schnell weh!»
Und auch bezüglich des allgemeinen Vorgehens beim Stricken gibt es deutliche Unterschiede. Denn während sich einige genau an die Vorgaben von Strickanleitungen halten, lismen andere ganz intuitiv drauf los. «Die Ängstlichen machen Maschenprobe. Bei mir kommt's, wie's kommt», meint eine Lismerin dazu und erklärt gleich auch, was damit überhaupt gemeint ist: «Dank der Maschenprobe weiss man ungefähr, welche Grösse das Endprodukt haben wird. Denn dieses kann sehr unterschiedlich ausfallen, je nachdem was für eine Wolle man verwendet.»
Trotz aller Unterschiede bezüglich Technik, Modevorlieben, Geschwindigkeit und verwendeter Wolle ist doch eines augenscheinlich: Lismen verbindet und macht Freude. Und auch bei der Genossenschaft Alters- und Pflegeheim Haus Holzenstein ist die Freude gross über die «Lismärrundi». «Wir wollen, dass unsere Bewohnerinnen und Bewohner auch etwas Sinnvolles für sich selbst machen können. Und wenn sie dies noch im Austausch mit Externen aus der Umgebung machen können, dann umso besser», sagt Geschäftsführer Andreas Steinke. Und auch das Engagement für den guten Zweck, von dem schon viele Menschen in Notlage und wohltätige Institutionen in der Region hätten profitieren können, sei eine wunderbare Sache, von der auch sie profitieren würden, ist Andreas Steinke überzeugt: «Wir freuen uns natürlich darüber, dass sie den Namen 'Haus Holzenstein' so in die Welt hinaustragen. Denn wie sagt man so schön: 'Tu Gutes und sprich darüber'.»
Von David A. Giger