Sie waren die Frauen, die letzten Donnerstag im Autobau das Steuer in der Hand hielten: (v.l.) Moderatorin Petra Keel, Regierungsrätin Denise Neuweiler, Barbara Reifler, Kommandantin der Kantonspolizei St.Gallen, Kathrin Loppacher und Arina Meister.
26.02.2026 09:23
Männerdomäne in Frauenhand
Am Donnerstag, 19. Februar, übernahmen im Autobau in Romanshorn für einmal ausschliesslich Frauen das Steuer. Die eingeladenen Referentinnen und Teilnehmerinnen der Podiumsdiskussion zeigten am Anlass, dass sie selbst in einer «autoreichen» Männerdomäne mit Leichtigkeit für einen interessanten Abend für ein grosses Publikum sorgen können.
Romanshorn «Frauen am Steuer – gemeinsam Kurs setzen» – zu diesem Motto referierten letzte Woche Regierungsrätin Denise Neuweiler und Barbara Reifler, Kommandantin der Kantonspolizei St.Gallen, im Autobau in Romanshorn. DassFrauen in Führungspositionen noch immer unterrepräsentiert sind, machte Moderatorin Petra Keel anhand einiger Zahlen schon vor den Referaten deutlich: «Fast jedes vierte Unternehmen hat noch keine Frau in der Geschäftsleitung.» Sie wies auch darauf hin, dass die Frauenquote in Führungspositionen in der Schweiz zwar langsam steige, jedoch vielerorts noch immer viel Raum nach oben sei. Insbesondere bei kleineren und mittleren Unternehmen, von denen es viele im Thurgau gebe, sei dies der Fall: «Nur zehn Prozent von Schweizer KMUs werden von Frauen geführt.» Und würde man die Problematik aus einer globalen Perspektive betrachten, dann gebe es noch viel mehr Raum nach oben: «65 Prozent der Weltarbeit wird von Frauen verrichtet. Doch nur 35 Prozent des Welteinkommens wird von Frauen verdient.»
Thema Gleichberechtigung ist kein Endpunkt
Regierungsrätin Denise Neuweiler kam nur kurz auf ihren Lebenslauf und ihre Kindheit in Sitterdorf zu sprechen, bevor sie einen Blick in die Vergangenheit des Themas machte und dabei den Fokus auf den Aspekt richtete, mit dem sie als Chefin des Departements für Erziehung und Kultur am meisten zu tun hat: «Bildung war sehr lange einPrivileg, das Mädchen verwehrt wurde.» Selbst mit der Einführung der obligatorischen Volksschule um das Jahr 1830 habe sich dies nur unwesentlich geändert, da Mädchen und Jungen zwar an die gleiche Schule gingen, jedoch unterschiedliche Bildung erhielten. «Die Bildung bereitete die Jugend auf typische Männer- und Frauenrollen vor. So lag der Fokus bei den Knaben auf Mathematik und Naturwissenschaften, bei den Mädchen auf Handarbeit und Hauswirtschaft», sagte Denise Neuweiler. Und obwohl seit Anfang des 20. Jahrhunderts weitere Fortschritte für Mädchen in Bezug auf die «Koedukationsdebatte» gemacht worden seien, habe die Gleichstellung bis zum Wendepunkt 1981 lange nur auf dem Papier existiert: «Heute haben Mädchen und Jungen den gleichen Zugang zu Schulen, besuchen die gleichen Fächer und haben die gleichen rechtlichen Chancen. Doch die Studien- und Berufswahl bleicht oft geschlechtertypisch, da Stereotype weiterhin wirken.»
Dies zeige sich zum Beispiel am Frauenanteil in den unterschiedlichen Studienrichtungen. Während dieser in Gesundheit, Sozialwesen, und Geisteswissenschaften hoch sei und zum Beispiel an pädagogischen Hochschulen bei rund 75 Prozent liege, sei er bei technischen Fächern wie Ingenieurwesen, Informatik und Agrarwissenschaften eher klein, weshalb er an der ETH nur rund einen Drittel betrage. «Obwohl sich das Bildungsniveau von Frauen und Männern zwar immer mehr angleicht, führt die Wahl von genderspezifischen Berufsfeldern und Studienfächern eher zum Karriereknick oder zur Leaky Pipeline, weil diese frauendominierenden Fächer typischerweise schlechtere Voraussetzungen für Top-Karrieren bieten», sagte Denise Neuweiler. Führung werde häufig mit «typisch männlichen» Eigenschaften wie Durchsetzungsfähigkeit, Dominanz und Konkurrenzorientierung in Verbindung gesetzt. Deshalb würden Frauen häufig in Helferberufen mit der «Teilzeit-Falle» landen. Und deshalb sei das Thema nicht abgeschlossen, sondern werde uns noch lange begleiten. Denn die Geschichte zeige, dass Gleichberechtigung kein Endpunkt, sondern ein weiterlaufender Prozess ist: «Wenn wir heute über Chancengleichheit in der Schule sprechen, tun wir das auf dem Fundament eines langen historischen Kampfes. Die Frage ist nicht mehr, ob Mädchen lernen dürfen – sondern wie Bildung heute gestaltet sein muss, damit alle ihr Potenzial wirklich entfalten können.»
Eine neue Kultur schaffen
Barbara Reifler aus Bischofszell, die seit letztem Dezember Kommandantin der Kantonspolizei St.Gallen ist, erzählte in ihren Einführungsworten, dass sie schon als 12-Jährige wusste, dass sie Polizistin werden will. Danach erläuterte sie, wie sie seither die einzelnen Stufen der Karriereleiter innerhalb der Polizei bis ganz nach oben erklommen habe. Wie Denise Neuweiler sei auch sie auf die Unterstützung des Partners und der Familie angewiesen gewesen, doch habe sie auch Unterstützung von Weggefährten erhalten – so zum Beispiel beim Schritt, sich für die Kommandostelle zu bewerben: «Ich habe es oft erlebt, dass mir jemand einen Ansporn gegeben hat, um etwas zu versuchen.»
Darum sei es ihr ein Anliegen, dies auch für andere Frauen bei der Polizei St.Gallen zu tun. Denn der Frauenanteil bei Kaderangehörigen betrage gerade einmal 2 Prozent. Dies sei sicherlich darauf zurückzuführen, dass eine Vollzeit-Anstellung gefordert sei, um überhaupt ins Kader zu kommen. Doch zeige sich auch schon im Bewerbungsprozess, dass der Frauenanteil merklich kleiner werde, sobald man mit seinen Mitbewerbern in Konkurrenz trete. «Frauen suchen weniger das Kompetitive», sagte Barbara Reifler.
Dies sei wohl einer der Gründe, wieso es die landläufige Meinung gebe, dass Frauen bei der Polizei robuster sein und eine dickere Haut haben müssten: «Dazu sage ich nein! Wir müssen eine Kultur schaffen, in der sich alle wohl fühlen und einen guten Job machen können.» Eine solche Kultur des respektvollen Umgangs habe keinen Platz für Themen wie Sexismus, Rassismus und Mobbing. Sondern der Fokus müsse ganz klar darauf liegen, die Demokratie zu schützen und einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit zu leisten: «Je besser wir gemischt sind in unserer Organisation, desto besser ist die Dienstleistung, die wir der Gesellschaft leisten können.»
Vorbild sein
In der anschliessenden Podiumsdiskussion nahmen nebst den beiden Referentinnen noch zwei weitere Frauen teil, die mit Führungspositionen bestens vertraut sind. Kathrin Loppacher erzählte von ihrer Militärkarriere, die sie bis zum Rang des Majors führte. Das Jahr RS und Offiziersschule sei hart gewesen, denn sie sei als einzige Frau unter 200 Männern nicht nur wegen ihres Geschlechts aufgefallen: «Viele haben mich als Provokation wahrgenommen, da ich ja freiwillig dort war.» Arina Meister ist mit nur 23 Jahren CEO bei Gut Werbung in Kreuzlingen geworden. Und auch sie habe diesen Schritt nur gewagt, weil sie das Team bereits kannte und ihr damaliger Chef ihr die Herausforderung zutraute.
In der Podiumsdiskussion wurde schliesslich das Thema noch breiter besprochen, jedoch blieb die Rolle von Frauen in Führungspositionen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie immer im Fokus. So bekräftigte Barbara Reifler nochmals die Forderung nach mehr Frauen in Führungspositionen, da erst bei rund einem Drittel Frauenanteil die verstärkte Beurteilung durch Männer wegfalle. Denise Neuweiler entgegnete auf eine Frage dann auch, dass eine Führungsposition jedoch nicht alles sei: «Es ist genauso richtig, wenn für eine Frau die Familie wichtig ist und nicht die Karriere.»
Da die zwei Hauptprotagonistinnen des Vortragabends im Autobau beide in der Region aufgewachsen sind, dürften sie wohl Vorbilder für viele junge Oberthurgauerinnen sein, die auch einmal eine der obersten Stufen der Karriereleiter erklimmen wollen. Denn Barbara Reifler meinte in ihren Ausführungen, dasssolche menschlichen Orientierungshilfen häufig von Nutzen seien:«Vorbild wirkt!»
Von David A. Giger