02.04.2026 09:01
Langlebigkeit liegt auch in unserer Hand
Am Mittwoch, 25. März, stand beim alljährlich von den Odd Fellows organisierten öffentlichen Vortrag für einmal die Langlebigkeit im Mittelpunkt. Professor Dr. Bernhard Brehm machte in seinen Ausführungen klar, dass der wichtigste Faktor nicht das Erbmaterial, sondern unser Lebenswandel ist.
Erlen Peter Roth von den Odd Fellows liess schon bei der Vorstellung des Referenten keine Zweifel aufkommen, dass hier ein ausgewiesener Experte zu Gast im Singsaal der Schule Erlen ist: «Prof. Dr. Bernhard Brehm ist Arzt für innere Medizin, Kardiologie und Intensivmedizin. Er war viele Jahre Oberarzt an verschiedenen deutschen Universitätsklinika sowie jahrelang Chefarzt in der Schweiz.» Dann übergab er auch schon das Wort an den renommierten Arzt, der in seinem Vortrag die Frage beantworten wollte, was es alles für ein langes, gesundes Leben brauche.
Wissenschaftlicher Fortschritt
Was das Gebiet der Langlebigkeit oder «Longevity» angehe, hat es in den letzten Jahrzehnten grosse Fortschritte gegeben. Die Mechanismen des Alterns seien mittlerweile bekannt, erklärte Bernhard Brehm: «Wir können heute Dinge erreichen, von denen wir nur geträumt haben, als ich anfing Medizin zu studieren.» Um diese verschiedenen und teilweise hochkomplexen Mechanismen aufzuzeigen, ging Bernhard Brehm im ersten Teil seines Vortrags detailliert auf physiologische Vorgänge ein, die beim Altern eine Rolle spielen: «Ich will ihnen aufzeigen, was schon möglich und was wissenschaftlich denkbar ist. Dabei stütze ich mich immer auf die evidenzbasierte Medizin.»
Telomeren werde künftig garantiert viel Beachtung in der Genforschung im Zusammenhang mit der Langlebigkeit geschenkt werden, doch vor allem das Mikrobiom habe einen grossen Einfluss: «Im Darm leben rund drei Kilogramm Bakterien. Das ist in etwa das gleiche Gewicht, wie unser Hirn hat.» Da sich das Mikrobiom nicht nur im Laufe eines Lebens natürlich verändere, sondern auch die konsumierte Nahrung einen grossen Einfluss auf sie hätte, kam Bernhard Brehm schliesslich auf einen Punkt zu sprechen, der jede und jeder von uns selbst beeinflussen kann: die Ernährung.
Ernährung macht Unterschied
Was für eine entscheidende Rolle die Ernährung für unsere Gesundheit und für ein langes Leben spielt, konnte Bernhard Brehm nicht genug betonen. Wichtig sei jedoch nicht nur, was man esse, sondern auch woher das Essen stamme: «Ich komme mir im Supermarkt manchmal vor wie im Autosalon. Alles blitzt und blinkt, denn es soll ja schliesslich verkauft werden.» Doch wie gesund und reif die angebotenen Lebensmittel sind, spiele nur eine nebensächliche Rolle.
Deshalb sollen wir hier im Thurgau Gemüse und Obst dort beziehen, wo es total ausgereift zum Kauf angeboten wird – direkt vom Hof. Denn wenn wir schon in dieser privilegierten Lage seien, dass es viele Hofläden und Dienstleistungen wie Gemüseabonnements gebe, dann sollten diese auch genutzt werden, meinte der erfahrene Mediziner: «Gewisse Äpfel vom Hof gehorchen zwar dem Schönheitsideal eines Grosshändlers nicht, sind dafür aber gesund.»
Eng mit dem Hof sind auch die gesunden Postbiotika verbunden, die durch Fermentieren in Nahrungsmitteln wie Sauerkraut oder Essiggurken zu finden sind. Diese seien auch der Grund, wieso Menschen in Korea eine so hohe Lebenserwartung hätten, sagte Bernhard Brehm: «Wegen Produkten wie Kimchi leben Koreaner länger. Denn mit Probiotika regenerieren sie ihren Darm.»
Und Bernhard Brehm liess die rund 70 Zuhörerinnen und Zuhörer auch wissen, wie eine gesunde, ausgewogene Ernährung aussehen soll. Trotz häufig genannter Bedenken gegenüber Kohlenhydraten, seien diese doch sehr wichtig: «Rund 50 Prozent der Kalorien sollten von Kohlenhydraten stammen. Erst im höheren Alter ist etwas mehr Eiweiss zu empfehlen.» Gegenüber Supplements sei er jedoch skeptisch, da sie oft Nahrungsergänzungsmittel seien und als solche keine wissenschaftlichen Studien brauchen würden, die ihre Wirksamkeit belegen. Wovon man jedoch stets die Finger lassen solle, sei hochprozessierte Nahrung: «Ultraprozessierte Lebensmittel sind eine Attacke auf meine Gesundheit. Sie sind Suizid auf Raten.» Und auch um die Wursttheke solle man wenn möglich einen grossen Bogen machen, wobei auch er gelegentlich zu einer geliebten Thüringer Bratwurst greifen würde – was völlig in Ordnung sei: «Denn die Dosis macht das Gift.»
Auch auf die Vorzüge des Fastens ging Bernhard Brehm ein. Diese würden vor allem in der Autophagie liegen, die ein wahrer Jungbrunnen sei. Denn in einem körpereigenen Recycling-Prozess der Zellen würde durch die Autophagie «der Müll auf die Strasse geworfen werden».
Gene sind nicht alles
Nebst der Ernährung sei es vor allem die Bewegung, mit welcher wir die Länge eines Lebens positiv beeinflussen könnten. Insbesondere hochintensives Intervalltraining würde Wirkung zeigen – und dies schon bei Belastungen von einer Minute. Doch grundsätzlich sei jede Bewegung förderlich für die Gesundheit: «Ab 7000 Schritten pro Tag tun wir etwas für unsere Gesundheit.» Ab 35 Jahren würde jeder Mensch jedes Jahr auf natürlichem Weg rund sechs Prozent Muskeln verlieren. Wer diesem Muskelzerfall entgegenarbeite, habe deshalb bessere Karten für ein längeres Leben: «Diejenigen, die weniger Muskeln haben, sterben früher. Dies hören einige nicht gerne, ist nun aber einfach so.»
In einem sehr interessanten Vortrag, der viele Details beleuchtete, ging Bernhard Brehm auch auf viele weitere Faktoren ein, die einen Einfluss auf die Länge eines Lebens haben. Während Alkohol, Rauchen und Salz wohl vielen schon bekannt gewesen sind, nannte er auch einige, die überraschten: «Die Vereinsamung ist ein Risikofaktor wie Rauchen.» All seine Ausführungen deuteten darauf hin, dass wir Menschen dem Alterungsprozess nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern dass wir zu einem grossen Teil selbst für ihn verantwortlich sind: «Der Alterungsprozess ist rund 30 Prozent abhängig von den Genen. 70 Prozent liegen somit in unserer Hand.»
Von David A. Giger