05.02.2026 08:50
Kaum Wandel in der fünften Jahreszeit
Vor ziemlich genau 100 Jahren fand in Romanshorn ein grosser Fasnachtsumzug unter dem Motto «Einst und jetzt» statt. Damit man diesen Sonntag, 8. Februar, beim alljährlichen Fasnachtsumzug einen Vergleich zu damals machen kann, soll hier ein Blick auf die Zeitzeugnisse geworfen werden, die vor einem Jahrhundert in Romanshorn entstanden sind.
Romanshorn Während sich die Jahreszeiten aufgrund des Klimawandels in den letzten Jahren ständig von neuen Seiten zeigen, scheint die fünfte Jahreszeit im letzten Jahrhundert nur wenig Wandel durchgemacht zu haben. Denn Bilder vom Fasnachtsumzug in Romanshorn aus dem Jahr 1926 zeigen eindeutig, dass närrisches Treiben schon damals kaum Grenzen kannte.
Es war der Sonntag, 14. Februar, als im Jahr 1926 ein bunter Zug von Fasnächtlern durch die mit Scharen von Zuschauern gesäumten Strassen Romanshorns zog. Es darf zumindest angenommen werden, dass das Treiben anno dazumal bunt war, denn die rund zwei Dutzend Postkarten, die in der digitalen Ansichtskartensammlung des Thurgauer Staatsarchivs von dem Grossanlass zeugen, sind selbstverständlich alle Schwarz-Weiss-Fotos.
Es ist faszinierend, was solche fotografischen Zeugnisse dennoch für Rückschlüsse auf das Leben an einem Ort in längst vergangenen Zeiten erlauben. Oftmals sind die Unterschiede so gross, dass man viel Vorstellungskraft braucht, um überhaupt eine gedankliche Zeitreise zu machen. Nicht im Fall der Fotos vom Fasnachtsumzug 1926 in Romanshorn. Denn wären die Fotos nicht schwarz-weiss, dann könnten sie wohl auch von allen anderen Fasnachtsumzügen stammen, die seither durch die Strassen von Romanshorn gezogen sind. Fasnacht ist wohl darum eines der Brauchtümer, das zeitlos ist und wohl auch in hundert Jahren nicht viel anders aussehen wird als vor einem Jahrhundert oder wie diesen Sonntag.
Fasnacht – ein Besuchermagnet
Was auf einigen Bilder auffällt, sind die Menschenmassen, die sich für den Anlass am Strassenrand versammelt haben. Der Romanshorner Fasnachtsumzug scheint damals eine grosse Sache gewesen zu sein – wohl einiges grösser, als es heute der Fall ist. Und dies, obwohl auf verschiedenen Fotos Regenschirme zu sehen sind und deshalb davon ausgegangen werden kann, dass der 14. Februar 1926 ein regnerischer Tag war.
Doch dieser Ansturm ist nicht überraschend, denn anno dazumal war die unmittelbare Umgebung noch viel wichtiger für die Menschen, da die Mobilität eingeschränkt war und Besuche von Fasnachten an anderen Orten wohl nicht gewöhnlich waren. Ähnliche Feststellungen hat Max Brunner im Romanshorner Ortsarchiv gemacht. Obwohl die gefundenen Informationen nicht spezifisch vom Fasnachtsumzug im Jahr 1926 waren, darf doch angenommen werden, dass sie auch schon ein Jahr zuvor Gültigkeit hatten: «In unserem Archiv ist ein Exemplar der Fasnachtszeitung 'De gäl Bolle' aus dem Jahr 1927 mit den Sujets des Fastnachtumzugs. Das Blatt zeigt, wie aktiv damals Fasnacht gefeiert wurde.»
Eine Gruppe am Fasnachtsumzug vor 100 Jahren kam vom ortsansässigen «Institut Zollikofer», wie auf dem Foto auf der Front der Zeitung zu erkennen ist. Was die Vertreter – oder wohl eher Vertreterinnen – des «Zollikofersches Töchtererziehungsinstituts» am Fasnachtsumzug präsentierten, ist jedoch leider auf keinem der Fotos in Erfahrung zu bringen. Dass der Namensgeber des Instituts, Robert Zollikofer, Pfarrer war, macht die Sache nicht einfacher. Denn es stellt sich automatisch die Frage, wie fromme, gut erzogene junge Damen überhaupt an die Fasnacht passen.
Doch auch «normale» Frauen waren am Fasnachtsumzug damals schon gut vertreten, so zum Beispiel bei der Gruppe mit dem Thema «Häusliches einst». Denn auf einem Foto sitzt ein Quartett Frauen um einen Tisch vor der Nachbildung eines Kachelofens mit er Jahreszahl 1802 und ist mit Spinnrad und Stickrahmen «beschäftigt». Dass auf dem gleichen Zweispänner-Themenwagen auch ein Mann mit einem Mostkrug in der Hand anzutreffen ist, dürfte wohl schon damals eine Anspielung auf den Stellenwert des männlichen Geschlechts im «häuslichen Reich» gewesen sein.
Der Rückseite der Ansichtskarte zum Thema «Häusliches einst» ist auch zu entnehmen, wer die beiden Personen rechts im Bild sind. In Handschrift steht da nämlich geschrieben, dass es sich dabei um Toni Parolini und Gust Gretler handelt. Somit ist wohl die im Archivkatalog genannte «Frau mit Zöpfen» nicht wirklich eine Frau, sondern ein sehr gut verkleideter Toni oder Gust. Alles Einerlei, wie der Anschrift des Wagens zu entnehmen ist: «Hier leb ich, Hier lieb ich, Hier bin ich zu Haus. Nord-Ost-Süd-West, Daheim ist das Best!»
Zeitzeugnisse sind wichtig
Würde der Romanshorner Fasnachtsumzug diesen Sonntag das gleiche Thema aufgreifen, sich also verschiedenen Berufstätigkeiten widmen und sie «einst und jetzt» präsentieren, dann wären die Unterschiede wohl noch viel augenscheinlicher. Ob jedoch alles jetzt besser wäre als einst, darüber kann gestritten werden. Denn die Antworten dürften sich diametral unterscheiden, je nachdem ob etwas aus technologischer oder aus menschlicher Sicht betrachtet wird.
Verantwortlich für einige dieser wertvollen Zeitzeugnisse war der Fotograf Richard Kielinger. Den Informationen des Staatsarchivs ist zu entnehmen, dass er von 1877 bis 1955 lebte, an der Rislenstrasse 11 in Romanshorn zu Hause war und in Sulgen zudem ein Fotoatelier hatte. Mehr ist leider nicht in Erfahrung zu bringen. Doch auf der Webseite foto.ch ist ein Porträt des Fotografen abgebildet, das aus der Porträtserie des Schweizer Photographen Vereins 1894-1940 stammt. Abgebildet ist ein Herr mittleren Alters mit ernster Miene und lichtem Haar, gekleidet in Frack mit Fliege. Auffälligstes Merkmal nebst dem grossen Schnurrbart ist seine Sehhilfe. Denn die Nasen-Klemm-Brille, auch Kneifer oder Zwicker genannt, war zwar anno dazumal in Mode, scheint heutzutage aber nur noch in Kreuzworträtseln aufzutauchen.
Würde man die Fotografien von Richard Kielinger genauer unter die Lupe nehmen, würden ganz sicher noch viele andere faszinierende Details ans Tageslicht kommen. Da stellt sich einem unweigerlich die Frage, ob in 100 Jahren dies auch noch der Fall sein wird. Denn obwohl diesen Sonntag garantiert eine Vielzahl an mehr vom Fasnachtsumzug in Romanshorn geschossen werden, ist nicht unbedingt anzunehmen, dass auch viele von diesen einmal den Weg ins Staatsarchiv finden. Denn Fotos sind heute nicht mehr die gleichen Zeitzeugnisse, wie sie es in früheren Zeiten waren. Leider. Denn es könnte gut sein, dass unsere Nachfahren uns dies in einem Jahrhundert zum Vorwurf machen.
Von David A. Giger