09.07.2026 08:15
Junger Virtuose am Piano
Hört man nur die Musik von Danilo Bos und sieht ihn selbst nicht am Klavier sitzen, dann würde man niemals auf die Idee kommen, dass hier ein elfjähriger Junge in die Tasten greift. Denn auch einem Laien fällt sofort auf, dass solch komplizierte Klangfolgen nur von jemandem so harmonisch produziert werden können, der sein Handwerk beherrscht.
Erlen Obwohl sich Danilo Bos vor gut zwei Wochen im Turnunterricht den Arm gebrochen hat, will er nicht auf das Üben verzichten. Da ihn der Gips jedoch zu sehr daran hinderte, fragte er seinen Arzt, ob es nicht eine Lösung gebe, die ihm etwas mehr Spielraum biete. Und so kam es, dass er letzten Freitagnachmittag fast wie gewohnt seine wöchentliche Klavierstunde in Angriff nehmen konnte: «Mit der Schiene klappt fast alles, nur mit Kraft in die Tasten zu drücken geht nicht.»
Seit etwas mehr als vier Jahren besucht Danilo Bos den Klavierunterricht von Elisabeth Tanner in Weinfelden. Obwohl Danilo damals erst sieben Jahre alt war, habe ihn der in seinem Wohnort Erlen angebotene Klavierunterricht nicht mehr angesprochen, erklärt sein Vater, der ebenfalls Danilo heisst: «Wir waren darum verzweifelt auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Und dank des Tipps eines Lehrers haben wir uns bei der Musikschule Weinfelden gemeldet, was für uns ein absoluter Glücksfall war.»
Elisabeth Tanner, Klavierlehrerin an ebendieser Musikschule, erinnert sich gut an den Moment, als eine Anfrage in der Musikschule eintraf, dass ein junger, talentierter Klavierspieler gerne besser Improvisieren lernen würde. Obwohl dies eigentlich nicht ihr Steckenpferd sei, habe sie den Jungen doch erst einmal selbst anhören wollen. «Und ich habe dann sehr schnell gemerkt, dass hier jemand mit sehr viel Talent neben mir sitzt», sagt die Klavierlehrerin.
Zwei haben sich gefunden
Es ging dann auch nicht lange, bis sich die zwei menschlich und musikalisch gefunden haben und sie sich gemeinsam auf eine abenteuerliche Reise machten. «Nach ein paar Wochen hat uns Elisabeth schon gefragt, ob Danilo an einem Musikwettbewerb mitmachen darf», erinnert sich Danilo senior. Und da auch Danilo junior sich dafür begeistern konnte, ist der junge Pianist seither häufig an Jugendmusik-Wettbewerben anzutreffen.
Als Danilo im Klavierzimmer im Zuhause von Elisabeth Tanner schliesslich ans Klavier sitzt, um zu zeigen, dass dies nochmals ein anderes Erlebnis ist als ihn auf einem Youtube-Video zu hören, wird schnell klar, wieso seine Klavierlehrerin von einem Ausnahmetalent spricht. Denn der Elfjährige ist ohne Zweifel eine Präsenz am Flügel. Während er seinen Blick nach unten auf die Tasten richtet, spielt er auswendig ein Stück von Haydn, das von beiden seiner Hände alles abverlangt. Er ist hochkonzentriert und bewegt sich ständig mit seinem Oberkörper etwas vor und wieder zurück. Es wirkt fast so, als würden diese wellenartigen Bewegungen den Takt weitergeben, der aus seinem Innern kommt. Es ist offensichtlich, dass sich hier jemand in seinem Element bewegt, dass hier etwas passiert, das mit Worten nur schwer zu beschreiben ist.
Und nicht nur Elisabeth Tanner, das Team der Musikschule Weinfelden und der Autor dieser Zeilen sind der Überzeugung, dass hier jemand mit aussergewöhnlichen musikalischen Fähigkeiten gesegnet wurde. «Danilo hat Anfangs Mai den zweiten Platz im grossen Finale des Schweizerischen Jugendmusikwettbewerbs in Zürich gewonnen. Und dies, obwohl er mit seinen elf Jahren zu den jüngsten Teilnehmern in seiner Kategorie zählte», berichtet seine Klavierlehrerin.
Wie ein Grosser
Dass Danilo Bos richtig gut Klavier spielen kann, daran besteht kein Zweifel. Wie gut er jedoch tatsächlich ist, das zeigt sich erst an einem Vergleich mit Altersgenossen. «Danilo hat sicher schon das Niveau von talentierten Oberstufenschülern», erklärt Elisabeth Tanner. Doch es seien nicht die technischen Fertigkeiten, die ihn besonders auszeichnen würden, meint die Klavierlehrerin: «Er kann sehr berührend spielen. Er gibt einem etwas mit.» Diese Ausdrucksfähigkeit sei normalerweise eine Fertigkeit, die sich erst in späterem Alter entwickle. Doch bei Danilo zeige sich dieses Eintauchen in ein Stück schon heute, weshalb er auch schon Sonderpreise für seine Innigkeit gewonnen habe.
Während Danilo im Gespräch eher schüchtern wirkt, er sich Antworten auf Fragen erst gut überlegt bevor er in wenigen Worten oder mit einem simplen «Ja» oder «Nein» darauf antwortet, sieht die Sache also am Klavier ganz anders aus. Es scheint fast so, als würde seine Ausdrucksfähigkeit in der Musik so viele Ressourcen in Anspruch nehmen, dass in einer Konversation sich die richtigen Worte im Gegenzug dafür noch etwas im Hintergrund verstecken. Doch alles ändert sich dann blitzschnell, als die Unterhaltung eine andere Richtung einschlägt und sein zweites Hobby zum Thema wird. Denn während der Elfjährige kein bestimmtes Vorbild am Piano nennen mag, kommt beim Thema Fussball die Antwort des Verteidigers des SC Berg wie mit Vollspann geschossen: «Ronaldo – der aus Portugal.»
Klavierkonzert zum Ferienanfang
Dass Danilo unbedingt etwas mehr Spielraum für seine linke Hand wollte, liegt wohl auch daran, dass er diese Woche an den Musiktagen Ligerz teilnimmt. Das einwöchige Lager am Bielersee bietet verschiedene Kurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene an. Und Danilo hat dort dieses Jahr eine ganz spezielle Aufgabe, erklärt Initiantin und Organisatorin Elisabeth Tanner: «Danilo wird erstmals mit einem Orchester zusammen spielen – und dies als Solist in einem Haydn Klavierkonzert.» Auf die Frage, ob er denn nicht etwas nervös sei, eine solche Premiere mit einer Schiene an der Hand durchzuführen, gab Danilo nur ein kurzes «Nein» als Antwort und schüttelte seinen Kopf ein wenig. «Das braucht er auch nicht. Denn er ist bestens vorbereitet und immer offen für neuen Herausforderungen», erklärt seine Klavierlehrerin.
Dass ein Klavier für Danilo Bos mehr als nur ein Instrument ist und er eine spezielle Beziehung zu ihm hat, lässt der er gegen Ende des Gesprächs durchblicken. Denn auf die Frage, wo er denn am liebsten Klavier spiele, antwortet der Elfjährige auf vielsagende Weise: «Am liebsten spiele ich an diesem Flügel. Denn hier sind die Tasten aus Elfenbein und fühlen sich nicht so wie jene an andern Flügeln wie Plastik an.»
Von David A. Giger