19.03.2026 07:37
Integration will gelernt sein
Seit September letzten Jahres gibt es in Romanshorn die MIFA, die Fachstelle für Migrantinnen und Migranten. Gründerin und Leiterin des ergänzenden Angebots für die Integration von zugewanderten Menschen ist Rita Kobler-Emiko. Die gebürtige Nigerianerin will mit ihrer Arbeit dabei helfen, die Bedeutung von Integration jeder und jedem verständlich zu machen.
Romanshorn Integration ist ein Thema, über das viel diskutiert wird, das aber wohl nur wenige verstehen. Denn einen Neuanfang an einem ungewohnten Ort zu starten, ist immer mit Herausforderungen verbunden. Während einige Menschen diese Hürden mit Leichtigkeit meistern, scheinen sie für andere unüberwindbar. Diese Menschen will MIFA begleiten, erklärt Rita Kobler-Emiko: «Wenn klassische Integration nicht funktioniert, dann sind wir als Ergänzung da.»
Um herauszufinden, welches die grössten Hindernisse für eine erfolgreiche Integration in das Leben in der Schweiz sind, wurde letzte Woche die Fachstelle für Migrantinnen und Migranten (MIFA) in Romanshorn besucht. Rita Kobler-Emiko ist überzeugt, dass vor allem Missverständnisse aus der Welt geschafft werden müssen, damit Integration funktioniert.
Brücken bauen
«Die MIFA baut Brücken zwischen den Kulturen und stärkt die interkulturelle Integration. Einzelpersonen und Familien profitieren direkt von praxisnahen Programmen, während Fachinstitutionen entlastet und in ihrer Arbeit unterstützt werden», heisst es in einem Schreiben der Organisation. Was mit diesen Brücken genau gemeint ist, weiss Rita Kobler-Emiko, die MIFA vor fünf Jahren gegründet hat und mit ihr in mittlerweile 20 Ostschweizer Gemeinden aktiv ist: «Wir bieten sozialpädagogische Familienbegleitung und eine kulturspezifische Hilfeleistung für Migrantinnen und Migranten bei der Integration an. Dank unserer Brückenbauer können wir dies häufig in der Muttersprache unserer Klienten tun, was einen grossen Unterschied macht.»
Denn gewisse Menschen würden schlicht nicht wissen, was Integration sei und was Integration von ihnen erwarte. Mit den über 20 MIFA-Brückenbauern, die viele verschiedene Sprachen sprechen und oft auch die kulturellen Hintergründe der jeweiligen Heimatländer der Migrantinnen und Migranten kennen würden, sei es viel einfacher, eine Beziehung zu den Klienten aufzubauen: «Wir verstehen das Konfliktpotenzial. Darum haben wir mit Interventionen in der Muttersprache sehr viel Erfolg.» So habe die MIFA zum Beispiel Brückenbauer, die nicht so geläufige Sprachen wie Tigrinya, Kurmandschi, Amharisch oder Paschtu sprechen. Und von diesen würden die Klienten absolut Grundlegendes lernen, das am Anfang jeder erfolgreichen Integration stehen müsse, so Rita Kobler-Emiko: «Bevor man sich integrieren kann, ist es wichtig, die grundlegenden Fragen 'Was?', 'Wie?', 'Wo?' und 'Warum?' beantwortet zu bekommen. Und dies gelingt bei gewissen Menschen einfach viel besser in der Muttersprache.»
Wenn die Klienten verstanden hätten, was von der Gesellschaft und vom Staat von ihnen erwartet werde, dann sei der erste, sehr wichtige Schritt getan. Durch die Vermittlung der absoluten Grundkenntnisse von Integration sei es dann vielen Menschen erst möglich, die Erwartungen an die eigene Person überhaupt zu verstehen. «Die Person muss zuerst hier ankommen. Nicht äusserlich, sondern innerlich», sagt die MIFA-Leiterin. Und dass dies so gut in der Muttersprache gelinge, hätte schon Nelson Mandela gewusst, der einst folgende Worte gesagt habe: «Wenn man mit einem Mann in einer Sprache spricht, die er versteht, steigt ihm das zu Kopf. Wenn man mit ihm in seiner Sprache spricht, geht ihm das zu Herzen.»
Einmaleins der Integration
Ein Schlagwort, das Rita Kobler-Emiko bei ihren Ausführungen gerne und häufig braucht, ist «Self-Empowerment». Übersetzt auf Deutsch heisst es so viel wie Selbstermächtigung oder Stärkung der Eigenmacht, was nicht nur seltsam tönt, sondern auch schwer verständlich ist und dem eigentlichen Sinn des englischen Wortes nicht gerecht wird. Darum wechselt das Gespräch immer wieder vom Deutschen ins Englische und wieder zurück – je nachdem welche Sprache für die Erklärung einer Sache oder eines Gedankens passendere Worte liefert. «Jeder Mensch trägt eine kulturelle Brille. Um sich erfolgreich integrieren zu können, muss man diese ablegen und eine neue anziehen», sagt Rita Kobler-Emiko. Dies bedeute nicht, dass man seine Herkunft, Kultur und Religion vergessen solle, sondern nur, dass man wesentliche Voraussetzungen erfülle. Am allerwichtigsten sei es, Deutsch zu lernen: «Die Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Denn nur wer Deutsch spricht, kann sich gesellschaftlich integrieren und so den Willen erlangen, auch etwas zum Gemeinwohl beizutragen zu wollen.»
Viele der MIFA-Brückenbauer seien wie sie selbst Migranten, die aus Erfahrung wissen würden, welche Unterstützung Klienten brauchen oder welcher Ansporn erfolgsversprechend sei, sagt die gebürtige Nigerianerin, die seit 25 Jahren in der Schweiz lebt: «Sie haben viel zu bieten. Und wir wollen ihnen dabei helfen, diese Stärken und Talente zu brauchen, um etwas für das Gemeinwohl zu tun.» Und um mit den eigenen Ressourcen etwas zu erreichen, sei es enorm wichtig, dass die Menschen Selbstvertrauen aufbauen. Denn dieses liefere ihnen dann die Motivation, den Weg weiterzugehen: «Meine Mission ist es, Menschen dabei zu helfen, sich mit ihren eigenen Ressourcen zu entfalten, so dass sie nicht einfach nur existieren, sondern leben.»
Viele Hürden
Nebst der Sprache gebe es jedoch noch viele andere Hürden, welche einer erfolgreichen Integration im Wege stehen würden. So zum Beispiel das Zeitverständnis, erklärt Rita Kobler-Emiko: «Viele Menschen kommen aus polychronischen Kulturen, in denen die Zeit flexibel ist. Die Leute funktionieren dort noch nach der natürlichen Uhrzeit und nicht jener der Uhr.» Darum sei es auch für so viele Menschen eine grosse Umstellung, plötzlich in einem System zu sein, in dem alles organisiert und strukturiert ist – sogar die Zeit: «Wenn sie verstehen, dass hier die Zeit monochronisch und Pünktlichkeit darum so wichtig ist, dann können sie auch hier funktionieren.»
Doch nicht nur die Zeit sei eine Hürde, sondern auch andere kulturelle Unterschiede würden oft eine Integration erschweren, sagt Rita Kobler-Emiko: «Es gibt Frauen, die schon fünf Jahre hier leben, aber keine Ahnung haben von der Schweiz. Die Gleichberechtigung ist darum eine weitere Hürde, denn bei der traditionellen Rollenverteilung spielt sie keine Rolle.» Oft könne aber ein Durchbruch erzielt werden, wenn Männer aus patriarchalischen Gesellschaften merken würden, dass auch sie und die gemeinsamen Kinder von der Gleichberechtigung profitieren würden: «Die Stärkung der Rolle der Frau reduziert auch den Stress auf den Ernährer. Denn er merkt, dass er nicht alles selbst tragen und zahlen muss.»
Es gebe Menschen, die all diese kulturellen und gesellschaftlichen Hürden allein überwinden könnten. Doch es gebe auch solche, die bei diesem Prozess Hilfe bräuchten – und genau für diese Fälle sei die MIFA da, sagt deren Leiterin: «Obwohl jeder Fall individuell ist, teile ich immer die gleiche Nachricht mit den Menschen: Wir haben nur ein Leben – und dieses Leben ist hier und jetzt. Darum gib dein Allerbestes.»
Mach es wie ein Mangobaum
Im Gespräch mit Rita Kobler-Emiko merkt man, dass der Glaube eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielt. Dieser Glaube wirkt sich auch auf ihre Arbeit aus – jedoch nicht auf die Herkunft oder die Religion von Menschen, denn sie sei in Nigeria in einer multikulturellen Gesellschaft mit vielen verschiedenen Ethnien aufgewachsen: «Ich habe eine Berufung. Ich glaube an Gott und daran, dass er mir meine Vision gegeben hat.»
Um zu veranschaulichen, wie diese Vision sich auf ihre Arbeit mit Migrantinnen und Migranten auswirkt, verweist Rita Kobler-Emiko auf einen Mangobaum, der in ihrem Heimatland wunderbar wächst und gedeiht: «Ein Mangobaum kann niemals seine eigenen Früchte essen.» Und genau wie ein Mangobaum funktioniere auch erfolgreiche Integration: «Wenn wir zusammenarbeiten, dann können wir uns gegenseitig bereichern. Dann wird aus einer Belastung eine Bereicherung.»
www.migrantenfachstelle.ch
Von David A. Giger