Thérèse sortiert unter Aufsicht von Edith eine grosse Ladung Knöpfe und packt gleiche je-
weils separat ab. Denn Ordnung macht sich auch in einer Brockenstube gut.
26.02.2026 09:07
«Ich brauche nur Leute um mich herum!»
Seit bald zehn Jahren gibt es im Papieri-Areal in Bischofszell einen Laden mit südländisch klingendem Namen. Dass die Brocki «La Brocante» nicht nur einen französischen Namen hat, sondern auch in ihrem Innern viel französisches Flair wahrzunehmen ist, liegt an der Besitzerin. Denn die gebürtige Französin Thérèse Kammerer hat längst noch nicht alle ihrer Wurzeln «verschweizert».
Bischofszell Genau darum gibt es in der Brockenstube «La Brocante» auch keine Preisschilder. «Der Preis ist Gefühlssache. Ein Glas kostet aber meistens 50 Rappen, ein Teller einen Franken und ein Buch zwei Franken», sagt Thérèse Kammerer. Doch dies sei nur eine Orientierungshilfe, denn es gebe immer auch Mengenrabatt und der Endpreis stehe sowieso immer zur Diskussion: «Man darf selbstverständlich auch handeln mit mir. Denn einen Flohmarkt oder eine Brocki, in der man nicht handeln kann, gibt es in Frankreich nicht.»
Gegen die Wegwerfkultur
Obwohl die Brockenstube jeweils nur am Mittwochnachmittag und am Samstag ihre Türen öffnet, ist Thérèse Kammerer viel häufiger in ihrem Reich anzutreffen. Vor allem im Winter fährt sie fast täglich von ihrem Wohnort Uzwil nach Bischofszell – gezwungenermassen sozusagen: «Im ersten Winter habe ich mit Kerzen geheizt. Jetzt stelle ich jeweils für eine Weile alle Lampen an, um etwas Wärme zu erzeugen.» Doch seit den Anfängen hat sich nicht nur heiztechnisch einiges verändert, sondern die Brockenstube zeigt sich auch von einer ganz anderen Seite: «Als ich den Raum das erste Mal sah, hatte es noch blinde Fenster und alles war dunkel und kalt. Schon wahnsinnig, was meine beiden Angestellten und ich auf die Beine gestellt haben!» Gemeint sind damit ihre beiden Freundinnen – eine 70- und eine 90-jährig – mit welchen sie die Brocki seit dem 24. April 2015 in Schwung hält.
«Jetzt musst du kurz warten», meint die Brocki-Chefin plötzlich und eilt zu einem Kunden, der mit seinem Enkel auf der Suche nach etwas ist. Als der Grossvater den Kleinen zu Vorsicht auffordert und meint, er dürfe nichts anfassen, wendet sich Thérèse Kammerer sofort dem Knaben zu: «Mol, mol – das darfst du sehr wohl!»
Als sie den beiden geholfen hat, kommt sie zurück an ihren Tisch, an dem sie zuvor damit begonnen hat, eine riesige Sammlung an verschiedenen Knöpfen zu sortieren. «Eine Brockenstube betreibst du nicht, um Geld zu machen, sondern um mit Menschen in Kontakt zu treten», sagt Thérèse Kammerer. Darum sei es für sie vollkommen in Ordnung, wenn alle Kosten für Miete, Strom und ihre Angestellten gedeckt seien. Denn belohnt werde sie durch den guten Zweck, den eine Brocki erfülle: «Es ist verrückt, wenn du siehst, was die Leute heute alles wegwerfen! Wir erhalten darum so viel gute Ware, dass wir kaum einmal etwas wegwerfen müssen und den meisten Dingen ein zweites 'Leben' ermöglichen können.»
Und jede Gabe an die Brocki oder jede Hausräumung, die man gelegentlich durchführe, habe jeweils auch noch eine zusätzliche Belohnung für sie parat: «Ich bin auch nach vielen Jahren im Geschäft noch immer fasziniert davon, Neues und Unbekanntes zu entdecken.»
Brocki für das Gesellige
Die bald 82-jährige Chefin der Bischofszeller Brocki kam 1965 wegen der Liebe in die Schweiz und hat seither eine Berufskarriere hingelegt, die es in sich hat. Denn obwohl sie keinen Beruf erlernt hat – Lehren seien in Frankreich nicht üblich gewesen – hat sie nicht nur bereits mehrere Brockis geführt, sondern war auch Wirtin, Spediteurin, Busfahrerin und Carchauffeurin. «Ich musste noch nie einen Job suchen. Irgendwie hat sich immer alles von selbst ergeben», sagt Thérèse Kammerer. Kein Wunder, wenn man so flexibel ist, eine solche Freude am Lernen hat und sich darauf verlassen kann, dass das eigene Grundvertrauen einem nicht enttäuscht: «Ich habe noch nie vorausgeplant. Das Leben sagt mir immer, was als Nächstes kommt.» Die einzige Voraussetzung, die sie jeweils an neue Berufe gestellt habe, hätte darum nichts direkt mit der Tätigkeit zu tun gehabt: «Ich brauche nur Leute um mich herum!»
Darum freut sich Thérèse Kammerer über jeden Besuch, der zu ihr in die Brocki unterhalb des Typoramas kommt. Und ganz besonders freut sie sich, wenn sie dabei nicht nur Gesellschaft geniessen kann, sondern sie auch einen kleinen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten darf: «Bevor man sich etwas Neues anschafft, sollte man unbedingt zuerst in die Brocki zu Thérèse kommen!»
Von David A. Giger