09.07.2026 08:02
Gelebte Lebensfreude in Gotteshaus
Am vergangen Samstagnachmittag fand in der katholischen Kirche Romanshorn ein ganz spezieller Gottesdienst statt. Denn für einmal gab nicht die Orgel den Takt beim musikalischen Teil der Messe an, sondern der tiefe, laute Rhythmus von Trommeln aus Simbabwe.
Romanshorn Haben Sie schon einmal einen katholischen Pfarrer in einer Kirche tanzen gesehen? Richtig tanzen gesehen, nicht verhalten mit dem Kopf wippend oder verklemmt einen Hüftschwung andeutend? – Diese Frage kann von allen Besucherinnen und Besuchern des simbabwischen Gottesdienstes von vergangenem Samstag bejaht werden. Denn beim grossen Finale der Messe schwang ein Priester sein Tanzbein sogar mit solch einer Intensität, dass er plötzlich rücklings auf den Boden fiel. Und da der Ausrutscher glimpflich ausging, tanzte der Pfarrer einfach für einen Moment weiter am Boden und stimmte in das Gelächter seiner Gemeindemitglieder ein.
Die gelebte Lebensfreude fand jedoch nicht nur im gemeinsamen Tanz am Schluss des Gottesdienstes seinen Ausdruck. Denn immer wieder sorgten von Trommeln unterstützte, wunderschöne Gesangseinlagen für Gänsehautmomente. Und auch das Echo der lauten Ululations-Einlagen, die immer wieder von einzelnen Sängerinnen und Sängern aus der Seele getrillert wurden, hallte garantiert nicht nur in der grossen Romanshorner Kirche nach.
Organisator mit simbabwischen Wurzeln
Möglich gemacht hat das simbabwische Fest in der katholischen Kirche Romanshorn Hilfsmesmer und Assistenz-Katechet Farai Magaya. Der gebürtige Simbabwer betont jedoch im Gespräch mehrmals, wie viel Hilfe er von allen Seiten bei der Organisation erhalten habe: «Es ist einfach wunderbar! Ich bin so dankbar, dass mich so viele Menschen so stark unterstützt haben.» Damit meint er nicht nur die katholische Kirchgemeinde Romanshorn, die ihre Infrastruktur zur Verfügung stellte und bei der Bewirtung und Unterbringung der Gäste mithalf, sondern auch all die Simbabwerinnen und Simbabwer selbst, die aus allen Himmelsrichtungen für den Gottesdienst angereist sind. «Viele von ihnen sind gekommen, um einmal richtig Danke zu sagen. Denn sie haben von Schweizer Missionaren das Evangelium und ganz vieles mehr erhalten», sagt Farai Magaya.
Wie sehr er sich über den lebhaften und inspirierenden Gottesdienst freute, war Farai Magaya jedoch nicht nur ins Gesicht geschrieben, sondern er hatte auch grossen Anteil daran, dass die Fläche vor dem Altar zum Schluss der Messe in eine Tanzfläche verwandelt wurde. Obwohl Tanzen in der Kirche von vielen konservativen Katholiken wohl noch heute als Gotteslästerung angesehen wird, ist es in Simbabwe ein integraler Bestandteil eines Gottesdienstes. Kein Wunder, denn wer den Beat der «Ngomas», der traditionellen simbabwischen Trommeln am eigenen Leib spürt, wird schlicht dazu animiert, sich zu bewegen. «Die Imenseer hatten ein revolutionäres Missionsverständnis», erklärte Gemeindeleiterin Gaby Zimmermann in ihren Begrüssungsworten. Denn die Vertreter der Missionsgesellschaft Bethlehem hätten nicht wie andere christliche Missionare versucht, Gott nach Simbabwe zu bringen: «Sie wussten, dass Gott schon da ist und dass man den Einheimischen nur helfen muss, ihn zu entdecken.»
Spezialfall Simbabwe
Diese spezielle missionarische Herangehensweise ist nicht nur hauptverantwortlich für die spezielle Beziehung zwischen Simbabwe und der Schweiz, sondern auch für die ungewohnten katholischen Gottesdienste, verrät Joe Nyamaryira: «Die Missionare versuchten uns mit Dingen von Gott zu überzeugen, die schon da waren. Darum ist unser Glaube so eng mit unserer Kultur verbunden.» Der junge Sänger, der in München in der Ausbildung zum Pfleger ist, glaubt, dass dies auch der Grund sei, wieso es heute solch grosse Unterschiede in der Beliebtheit der katholischen Kirche in den beiden Ländern gebe: «Ich war so überrascht, wie leer die grossen Kirchen hier sind. In Simbabwe ist es nichts Aussergewöhnliches, wenn du am Wochenende keinen Platz zum Sitzen im Gottesdienst findest.»
Dass gegen Ende des Gottesdienstes in der ersten Reihe lautstark und tanzend im Pulk gefeiert wurde, war darum für ihn nichts Aussergewöhnliches, sondern Kirchenalltag. Auch wenn dies für Einheimische aus der Region nicht der Fall war, bestand auch für die neutrale Beobachterin und den offenen Kirchengänger kein Zweifel daran, dass hier Gott in seinem Haus gefeiert wurde.
Darum würde eine etwas breitere, eine etwas mehr durch Simbabwe inspirierte Interpretation des Begriffs «Eucharistiefeier» der Attraktivität der Gottesdienste in unseren Gefilden garantiert nicht schaden. Denn es gab so viel Neues zu sehen, zu hören, zu spüren und auch zu lernen in der Messe. Farai Magaya hat zumindest schon einmal einen eindrücklichen Anstoss dazu gegeben – einen, der anscheinend auch auf Gehör gestossen ist. Denn Kirchgemeindepräsident Thomas Walliser Keel meinte in einer kurzen Rede bei der Fortsetzung der Feier im Pfarreisaal, dass wir Schweizer zwar grundsätzlich etwas Mühe dabei hätten, Gefühle zu zeigen, er jedoch sehr froh darüber sei, dass man dies nun vorgelebt bekomme: «Denn Vielfalt ist keine Bedrohung, sondern eine Chance.»
Von David A. Giger