Corina Huber findet immer wieder Schulmaterialien in ihrem Entsorgungshof, die von anderen Menschen weggeworfen wurden.
25.06.2026 08:14
Für unsere Kinder, mit unseren Kindern
In Amriswil gibt es seit einiger Zeit eine Schule, die in ihrer Art einzigartig ist in der Region. Damit die Umweltschule Thurgau bald nicht mehr nur eine wertvolle Dienstleistung für Kinder und Jugendliche ist, sondern sie auch ein eigenes tatsächliches Zuhause erhält, setzt sich Corina Huber mit viel Engagement und Enthusiasmus für ihr Lebenswerk ein.
Amriswil Eine Umweltschule auf einem Entsorgungshof? Was im ersten Moment überraschend klingt, macht im zweiten durchaus Sinn. Denn wo Abfall gesammelt wird, da wird im Idealfall auch viel wiederverwertet. Und genau diese Idee hat Corina Huber von der Huber Industrieabfälle GmbH dazu bewogen, die erste Umweltschule im Kanton zu gründen und ein klima-positives Schulhaus zu planen: «In der Schule wird es kein einziges neues Möbel haben», verspricht sie darum.
Während das Angebot der Umweltschule Thurgau bisher nur aus einem drei Lektionen umfassenden Kurs bestand, soll sich dies in naher Zukunft ändern. Denn Corina Huber trifft mit ihrem Anliegen den Nerv der Zeit und darf darum auf breite Unterstützung von verschiedenen Seiten zählen.
Berufung gefunden
Dass Corina Huber Feuer und Flamme für ihr Herzensprojekt «Umweltschule Thurgau» ist, merkt man schon nach einigen Minuten in ihrem Büro auf dem Entsorgungshof ihrer Familie am Rande Amriswils. Die Ideen und Zukunftspläne sprudeln nur so aus ihr heraus, während sie Kaffee zubereitet und alle möglichen Unterlagen zum Projekt zusammensammelt. «Den Ärmel reingezogen hat es mir während des Nachhaltigkeitssemesters an der Fachhochschule. Als ich erstmals die Auswirkungen unseres Handelns aufgezeigt bekam, wusste ich, wofür ich mich in Zukunft engagieren will», erklärt Corina Huber.
Nach dem Abschluss ihres Masterstudiums in Umwelttechnik und Management im Jahr 2016 dauerte es jedoch nochmals drei Jahre, bis ihre Berufung eine konkrete Form annahm und die Idee entstand, im Thurgau eine Umweltschule zu gründen: «Ich habe immer schon gedacht, dass man mein Studium auf Kindergarten- und Schulniveau herunterbrechen sollte. Und mit dem Unterricht in der Umweltschule versuche ich genau dies zu tun.»
Schulhaus in Planung
Obwohl bisher erst 16 Klassen aus dem Thurgau den Unterricht besucht haben und dieser auf dem Entsorgungshof selbst stattgefunden hat, wird das Projekt Umweltschule Thurgau bald viel grössere Dimensionen annehmen: «Auf meinem Land hier neben dem Entsorgungshof soll bald ein klima-positives Schulhaus gebaut werden. Die Machbarkeitsstudie hierfür wird bereits von Krattiger Konzept durchgeführt.» Dies ist so, weil Corina Huber so sehr an die Verwirklichung ihres Lebenswerks glaubt, dass sie «all in» geht: «Ich investiere alle meine Ersparnisse in die Realisierung der Umweltschule Thurgau.»
Gerne hätte sie auch für den Bau des Schulhauses ausschliesslich Materialien verwendet, die wiederverwertet werden. Doch um ein klimafreundliches Schulhaus zu bauen, müsse man diesbezüglich einfach Abstriche machen, erklärt Corina Huber: «Während ich bei der Inneneinrichtung nur recyceltes Material verwenden werde, muss ich beim Schulhaus selbst aufgrund finanzieller Überlegungen einfach Kompromisse eingehen.» Nichtsdestotrotz soll das Schulhaus auch ein Vorzeigeobjekt für den Unterricht werden und die Frage beantworten, wie weit heute ein Normalbürger bei einem umweltfreundlichen Hausbau gehen kann.
Das Positive ins Zentrum rücken
Ganz wichtig ist für Corina Huber auch die Grundeinstellung, mit der das Thema Umweltschutz behandelt wird. Denn von Verboten und Regeln hält sie nicht viel, da sie nicht nachhaltig wirken und oftmals auch nicht von Kindern und Jugendlichen selbst umgesetzt werden können: «Die Themen sollen auf positive Weise rübergebracht werden. Denn ich will der nächsten Generation Handlungsoptionen aufzeigen, die sie bereits haben.» Zum Beispiel solle man lieber Früchte frisch anstatt solche aus der Büchse essen, da so Energie gespart und weniger Abfall produziert wird. Oder man soll die Wäsche an die Sonne hängen anstatt sie im Tumbler zu trocknen. «Ich hoffe, dass ich durch praktische, lebensnahe Erlebnisse 'Aha-Momente' erzeugen kann. Denn es hat viel mit Bequemlichkeit zu tun, dass wir heute alles mundgerecht produziert haben wollen», meint Corina Huber.
Grundsätzlich sei das Projekt darum in drei Bereiche aufgeteilt: Den Umweltunterricht, die Immobilie selbst und dann noch «Upcycling», sprich Wertschöpfung aus recycelten Produkten zu gewinnen. Doch dies könne sich alles noch ändern, denn ihr grösster Wunsch sei viel allgemeinerer Natur, erklärt Corina Huber mit strahlendem Lächeln: «Ich wünsche mir, dass das Projekt nie fertig sein wird. Denn ich habe keine Lust, mir eine neue Aufgabe suchen zu müssen.»
Dass sie bei diesem Unterfangen auf breite Unterstützung von vielen verschiedenen Seiten zählen darf und auch die fortgeschrittenen Verhandlungen für einen Zusammenarbeitsvertrag mit dem Verband KVA Thurgau kurz vor einer Unterzeichnung stehen, ist für Corina Huber trotz der Sinnhaftigkeit des Projekts kaum fassbar: «Das wäre ein Meilenstein. Denn dann müssten die Schulen aus dem Verbandsgebiet für den Umweltunterricht nicht mehr selbst bezahlen.»
Eine Idealistin auf Mission
Es besteht kein Zweifel, dass Corina Huber alles daran setzen wird, dass die Umweltschule Thurgau bald mehr als eine Webseite, ein paar Unterrichtslektionen und ein idealistischer Traum ist. Denn sie ist mit so viel Enthusiasmus und Herzblut an der Sache, dass Scheitern keine Option ist. «Ich weiss selbst nicht, wieso dieses Feuer in mir so brennt», meint sie und versucht trotzdem Erklärungen für ihr riesiges Engagement zu finden. «Ich wollte schon immer Lehrerin werden. Darum ist es sicher eine riesige Bereicherung, mit Schulklassen arbeiten zu dürfen», so die gelernte Schneiderin.
Doch ihr sei es auch wichtig, dass nicht nur ständig debattiert, sondern auch einmal gehandelt werde: «Schülerinnen und Schüler sollen unbedingt Altbewährtes wieder schätzen lernen. Denn nicht alles muss immer neu sein.» Deshalb wolle sie nebst dem Mobiliar für die Umweltschule auch möglichst alle Unterrichtsmaterialien aus dem Abfall besorgen. Hierfür biete der Entsorgungshof ihrer Familie in dritter Generation ideale Synergien, denn würden immer wieder einmal Kugelschreiber, Farbstifte und Strassenkreiden entsorgt werden. Und würden Kinder und Jugendliche das Bewusstsein entwickeln, dass weniger oft mehr ist, dann sei sie zuversichtlich, dass das Motto der Umweltschule bald auch von vielen Menschen gelebt werde: «Für unsere Kinder, mit unseren Kindern.»
www.umweltschule-thurgau.ch
Von David A. Giger