15.01.2026 08:38
«Früher ging's nur miteinander»
Die Kältewelle, die am Anfang des neuen Jahres übers Land zog, war für viele Menschen in der Region eine Überraschung. Vor nicht allzu langer Zeit waren Wochen in bitterer Kälte im Winter jedoch nicht die Ausnahme, sondern die Regel im Oberthurgau – und dies sowohl draussen wie drinnen. Karin Hungerbühler aus Amriswil weiss einiges über diese eisigen Zeiten zu berichten.
Amriswil Der Winter ist nicht mehr das Gleiche, was er vor hundert Jahren war. Einerseits ist er im Zuge der Klimaerwärmung einiges zahmer geworden. Andererseits ist seine Bedeutung für uns Menschen heute eine andere, denn hängt unser Überleben nicht mehr von einem erfolgreichen Kampf gegen ihn ab. «Die Winter waren früher hier in der Region wesentlich länger und strenger. Oftmals begannen sie schon Mitte Oktober – und auch weisse Ostern waren keine Seltenheit», sagt Karin Hungerbühler. Die Präsidentin des Vereins Bohlenständerhaus hat sich in ihrer 37-jährigen Tätigkeit für das Museum in Schrofen intensiv mit dem Thema beschäftigt, denn bestimmte in früheren Zeiten der Winter den ganzen Jahresablauf und somit das Leben von kleinbäuerlichen Selbstversorgern: «Im Bohlenständerhaus kann man die alten Zeiten noch hautnah erleben. Ein Besuch hier ist darum immer auch ein Erlebnis – besonders im Winter.»
Dreimal ungenügend
Obwohl in der Stube des Bohlenständerhauses ein Kachelofen steht, wurde dieser letzte Woche beim Besuch des alten Bauernhauses nicht eingefeuert. Denn der Kachelofen sorgte erst Jahrhunderte nach dem Bau des Bohlenständerhauses im Jahr 1538 für eine warme Stube. «Früher war oft der Herd die einzige Wärmequelle in einem Haus. Darum haben die Menschen in jenen Zeiten im Winter häufig in der Küche oder sogar im Stall bei den Tieren geschlafen, wo es etwas wärmer war», erzählt Karin Hungerbühler.
Doch wahrscheinlich ist «warm» das falsche Wort in diesem Zusammenhang, denn kalt war es überall. Und dies habe vor allem daran gelegen, dass drei Dinge damals noch ungenügend waren: «Die Isolierung des Hauses, der Brennwert des Heizmaterials und die Kalorienzufuhr waren alle ungenügend.»
Wie sich die Kälte in einem nicht isolierten Haus ausbreitet, konnte letzte Woche im Bohlenständerhaus hautnah erlebt werden. Denn obwohl das Holzhaus mit Hilfe von Moos, Blättern und Stroh winddicht gemacht wurde, gibt es kaum einen Temperaturunterschied zu draussen. «Hier steht man auf dem 'blutten' Boden. Die Kälte kommt also von allen Seiten herein», sagt Karin Hungerbühler. Die Bauern seien zwar schon damals geschickt gewesen und hätten ihre Häuser so gebaut, dass die Frontseite mit Stube gegen Süden gerichtet ist – «und dies nur durch Beobachtung, denn von Physik hatten sie keine Ahnung.» Doch habe Holz weder als Bau- noch als Brennmaterial für viel Wärme gesorgt. Eine Frage, die wegen dieser eisigen Kälte immer wieder aufgekommen ist, sei darum jene des Speicherns von Wärme gewesen. «Wärmeflaschen, 'Kriesisteinsäckli' und auch heisse Steine, die wir heute nur noch vom Restaurantbesuch kennen, halfen damals den Menschen, dass sie es zumindest beim Einschlafen warm hatten», sagt die Amriswilerin und macht sich in der Stube auf die Suche nach den angesprochenen Gegenständen. Doch so ideenreich die Menschen damals auch waren, seien die Massnahmen nur von begrenzter Dauer gewesen: «Alle Tricks halfen nicht dabei, das Problem aus der Welt zu schaffen. Und so wurde der ganze Tagesablauf von der Kälte bestimmt.»
Nahrung zum Überleben
Dass in einer solch kalten Umgebung überlebenswichtig war, genügend Nahrung zu sich zu nehmen, um die Körpertemperatur aufrecht zu erhalten, lernt uns die Biologie. Doch dieses Unterfangen sei früher wohl die grösste Herausforderung gewesen. «Den Kalorienverbrauch im Winter zu decken, war extrem schwierig. Denn wirkungsvolle Kalorien hatten wir lange Zeit keine hier in der Region», sagt die Präsidentin des Bohlenständerhauses. Dies sei zumindest bis zur Einführung der Zuckerrübe und vor allem auch der Kartoffel der Fall gewesen. Denn Korn, Kohl und Kraut seien zwar vor allem in fermentierter Form sehr gesund, nur fehle es ihnen an Nährwert, den Fett und Kohlenhydrate mit sich bringen würden. Dieser Kalorienmangel habe sich dann jeweils gegen Ende des Winters deutlich bemerkbar gemacht: «Vor allem für Kinder, Alte und Kranke waren die Monate Februar und März oft tödlich. Nicht nur hier im Oberthurgau, sondern im ganzen Alpenraum, vom Südtirol bis ins Wallis, ist in den Sterberegistern aus dieser Zeit eine höhere Sterblichkeit in dieser Jahreszeit festzustellen.»
Dass für unsere Vorfahren wohl bis vor rund hundert Jahren nun bald eine Zeit anbrach, in der es ums blanke Überleben ging, ist heute kaum vorstellbar. Denn aus dem Armenhaus ist in der Zwischenzeit ein Wohlstandsort geworden. Diese Entwicklung, die vor allem nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs extrem schnell vonstattengegangen sei, habe sehr viel Gutes mit sich gebracht. Jedoch sei wohl auch einiges auf der Strecke geblieben, insbesondere im sozialen Bereich. Denn die Menschen hätten früher nicht nur mit den vier Jahreszeiten und nicht gegen sie gelebt, sondern sie hätten auch ein ganz anderes Gemeinschaftsgefühl gehabt, dass von Geben und Nehmen geprägt gewesen sei, sagt Karin Hungerbühler: «Ein kalter Winter schweisste zusammen. Denn früher ging's nur miteinander.»
Von David A. Giger