04.12.2025 15:43
Farbenfroh macht Erwin froh
Im Leben von Erwin Maurer aus Amriswil dreht sich seit vielen Jahrzehnten alles um Farben. Während seiner beruflichen Tätigkeit bestimmten sie den Alltag in seinem Malerbetrieb und seinem Farbenladen, seit seiner Pensionierung sorgen sie dafür, dass Ruhe und Zuversicht nicht nur weiter Bestandteil seines bewegten Lebens sind, sondern sie auch Ausdruck in der Kunst finden.
Amriswil Wer eine kreative Ader hat, der muss ein Ventil für sie finden und sie ausleben. Wie dies vonstatten geht, spielt keine Rolle, solange beim Prozess etwas kreiert wird. Für Erwin Maurer ist dieses Ventil seit dem Jahr 2010 das Malen. «Ich bin damals aus den Ferien in der Provence zurückgekehrt und habe den Anblick der Lavendel-Felder mit Mont Ventoux im Hintergrund einfach nicht aus meinem Kopf herausgebracht», erinnert er sich.
Durch die Wiedergabe ebendieser Szene auf einer Leinwand startete er kurz darauf seinen ersten Ausflug in die Welt der Kunst. Und das Malen half schliesslich nicht nur dabei, diese dominante Erinnerung in seinem Kopf etwas abzuschwächen, erklärt Erwin Maurer: «Ich war während des Malens nicht nur unglaublich zufrieden, sondern merkte plötzlich auch, dass ich keinen Tinnitus mehr hatte.»
Inspiriert durch den positiven Effekt dieses neuen Hobbys stürzte sich Erwin Maurer in das Abenteuer und versuchte, so schnell wie möglich aus seinen «künstlerischen» Kinderschuhen herauszuwachsen. «Kurz nachdem ich mit dem Malen angefangen habe, hatte ich einige Ausstellungen. Doch jetzt habe ich die Nerven nicht mehr dafür», sagt der Amriswiler. Er sei mittlerweile schon 82 Jahre alt und gesundheitlich angeschlagen. Die Kunst habe noch immer einem sehr grossen emotionalen Wert für ihn, bereite ihm aber doch auch gelegentlich Kopfzerbrechen: «Denn mein Hauptproblem ist heute die Frage, was mit all meinen Bildern geschieht, wenn ich einmal nicht mehr bin.»
Viele Stile, noch mehr Farben
Wer das Atelier von Erwin Maurer an der Bahnhofstrasse in Amriswil besuchen will, der sollte nicht in Eile sein. Denn was in den grosszügigen, auf zwei Etagen aufgeteilten Räumlichkeiten zu sehen ist, sprengt leicht die Vorstellungskraft eines jeden, der schon einmal ein Künstleratelier besucht hat. Überall stehen Leinwände in allen erdenklichen Farben und Grössen, bemalt in den unterschiedlichsten Stilen. Viele Werke sind zudem von passenden Rahmen aus hochwertigen Materialien umgeben. Teilweise sind die Leinwände im Dutzend aneinander oder aufeinander gestapelt, teilweise stehen sie übereinander und wo es Platz hat, hängen sie an den Wänden. Man wähnt sich eher in einer grossen Galerie oder einem Verkaufsladen für Kunst als an einem Arbeitsort. Die Beleuchtung ist viel zu professionell, die Ordnung zu wenig chaotisch und die Vielfalt an unterschiedlichen Motiven, Stilen, Techniken und Farbkonzepten viel zu gross, um im Atelier eines einzelnen Künstlers zu sein.
Doch genau dies ist der Fall. Denn genau in diesem Atelier sind die mittlerweile über 1000 Werke auf Leinwänden in allen möglichen Grössen entstanden. Bilder von realistisch gemalten Tieren und Landschaften stehen neben verträumten Panoramen am Wasser. Bilder von bekannten Bergen lagern neben Ausschnitten von schneebedeckten Felsformationen, die es nur in Erwin Maurers Fantasie gibt. Und dann gibt es noch viel abstrakte Kunst in allen möglichen Formen, von gegenstandslos über minimalistisch bis hin zur mit vagen Anspielungen dokumentierten Szene aus seiner Erinnerung. «Hier ist eine gesellige Männerrunde in einem Wirtshaus abgebildet. Vorne steht der Tisch, hinten ist die Garderobe und hier meine drei Kameraden», beschreibt Erwin Maurer ein grosses Werk in dunklen Braun- und Rottönen, das durch seine Worte noch mehr Wirkung verbreitet als es dies ohnehin schon tut.
Und bald hat er auch schon ein Aquarell in viel kleinerem Format in der Hand, das eine Szene in irgendeiner Altstadt an einem regnerischen Tag zeigt. «Ich habe erst vor einem Jahr mit dem Malen von Aquarellen angefangen. Es hat mich gereizt, ohne weisse Farbe zu malen und das Papier ins Werk miteinzubeziehen», erklärt der Künstler. In der grossen, dominanten Pfütze auf dem Bild spiegelt sich jedoch keinesfalls beschränkte Erfahrung mit der Technik wider, sondern viel mehr eine Tiefe, die viele seiner in anderen Techniken entstandenen Werke ebenfalls auszeichnen. Die vielen Komponenten ergeben schliesslich ein Gesamtbild eines Ateliers wie aus dem Bilderbuch, das wohl der Wunschtraum von vielen Künstlerinnen und Künstlern ist. Und auch Erwin Maurer fühlt sich in seinem Reich sichtlich wohl, was wohl auch daran liegt, dass er seine Leidenschaft fürs Malen mit jemandem teilen kann: «Ich freue mich immer, wenn ich mit Besuch über Kunst und einige meiner Werke reden kann.»
Durch Schicksalsschlag zur Kunst
Obwohl Erwin Maurer jahrelang beruflich mit dem Malen zu tun hatte, war der Schritt zum Künstler alles andere als eine natürliche Entwicklung. Denn zwischen dem ersten Kapitel seines Lebens, in dem das Malen einen wesentlichen Part übernahm, und dem jetzigen, liegen über 15 Jahre. «Ich hatte 1994 einen schweren Sportunfall und musste infolgedessen mein Leben total umkrempeln», erzählt Erwin Maurer. Er habe durch den Unfall nicht nur sein Unternehmen aufgeben müssen, sondern er musste buchstäblich wieder auf die Beine kommen, da er erst gar nicht mehr laufen konnte und er noch heute auf Gehhilfen angewiesen ist.
Obwohl dieser Unfall ein grosser Einschnitt in seinem Leben war, will Erwin Maurer nicht die dunklen Seiten dieses Kapitels ansprechen, sondern nur die hellen. Denn genauso macht er es mit seiner Kunst, die Schatten und Düsteres höchstens zur Unterstützung des Positiven und Fröhlichen braucht: «Auch wenn man ein Handicap hat, kann man aus dem Leben etwas machen, das einem Zufriedenheit schenkt. Ich wurde für meine Suche danach mit dem Malen belohnt.» Das Malen mache ihn aber nicht nur zufrieden, sondern auch glücklich. Denn wenn er sich vor eine leere Leinwand setze, würden all seine vielen Erfahrungen Sinn machen: «Kunst ist Leben. Und leben kann man nicht aus Büchern lernen, sondern nur aus erlebten Höhen und Tiefen.»
Von David A. Giger