29.01.2026 08:17
Ein tiefer Blick ins Glas
Trinken ist für den Menschen lebenswichtig. Im Gegensatz zur wichtigsten Vitalfunktion des menschlichen Körpers, dem Atmen, kann das Trinken mehr sein als nur eine grundlegende Notwendigkeit. Ein tiefer Blick in verschiedene Gläser soll der Frage nachgehen, wie sich unsere Trinkgewohnheiten in den letzten Jahren verändert haben und in welche Richtung neue Trends gehen.
Arbon 83 Prozent der Schweizer Bevölkerung ab 15 Jahren konsumierten im Jahr 2024 Alkohol. Seit 1992 sei dieser Prozentsatz stabil geblieben, heisst es vom Bundesamt für Statistik. Geändert habe sich jedoch die Häufigkeit, heisst es weiter in dem im Herbst 2024 veröffentlichten Artikel: «Demgegenüber ist der Anteil der Personen, die täglich Alkohol konsumieren, in den vergangenen 30 Jahren von 20 auf 9 Prozent zurückgegangen.»
Obwohl Zahlen des Bundes allgemeine Rückschlüsse auf das Konsumverhalten in der Schweiz erlauben, berücksichtigen sie keine regionalen Unterschiede. Solche liefern jedoch die Resultate einer Umfrage, die Möhl erst kürzlich mit rund 260 seiner Kundinnen und Kunden durchgeführt hat.
Das Erfreulichste zuerst: Rund 97 Prozent der Kundinnen und Kunden würden den Getränkehandel von Möhl weiterempfehlen. Nur scheinen immer mehr Konsumenten ihre Getränke an anderen Orten zu beziehen. Diesen Trend hat SwissDrink, die marktführende Verbundgruppe der Getränkebranche, in einer Markt-Analyse zum Jahr 2023 festgestellt: «Während die Getränkefachmärkte in der Pandemie stark zulegen konnten, verzeichnen sie nun bereits zum zweiten Jahr in Folge einen Verlust mit -4.6 Prozent per Ende 2022 bzw. -6.9 Prozent per Ende dieses Jahres.» Beinahe alle Getränkekategorien seien rückläufig, auffällig seien die Verluste jedoch bei karbonisierten und nicht karbonisierten Süssgetränken mit -11.6 und -9 Prozent.
Ähnliche Feststellungen hat man auch im Getränkemarkt von Möhl in Arbon gemacht, erklärt Filialleiter Silvio Strotz: «Während Corona ging der Laden durch die Decke. Mittlerweile sind wir beim Umsatz jedoch wieder auf dem Stand von 2019.» Man sei darum stets bemüht, das Angebot auf die Wünsche und Bedürfnisse der Kundschaft anzupassen. Und wie die erst kürzlich getätigte Kundenumfrage zeige, gelinge ihnen dies ganz gut.
Stadt-Land-Graben
Silvio Strotz ist überzeugt, dass man in Arbon aber auch einen Standortvorteil habe – und dies nicht nur wegen weniger Konkurrenz: «Es gibt garantiert einen Unterschied zwischen Stadt und Land im Getränkehandel. Wir sind hier in der Region traditionell verankert, weshalb es nicht nur um den Preis geht.» Er sage dies nicht einfach so, sondern aus persönlicher Erfahrung. Denn bevor er vor sieben Jahren bei Möhl angefangen hat, sei er viele Jahre in er gleichen Branche in St.Gallen tätig gewesen: «Die Regionalverbundenheit ist hier in Arbon viel wichtiger. Für rund 80 Prozent der Kundschaft ist darum die Nähe zum Produkt ein wesentlicher Grund, wieso sie zu uns kommen.» Deshalb versuche man nebst den eigenenMöhl-Getränken immer auch möglichst viele andere regionale Produkte im Sortiment zu führen.
Weniger Alkohol wird konsumiert
Während die Zahlen des Bundesamts für Statistik sagen, dass seit 1992 die Zahlen beim Anteil der Schweizer Bevölkerung, die Alkohol konsumiert, stabil bei rund 83 Prozent geblieben sei, hat der Konsum mengenmässig nachgelassen. «Der Pro-Kopf-Konsum reinen Alkohols hat seit 2001 stetig abgenommen. Die Abnahme kann insbesondere auf eine Verminderung des Weinkonsums zurückgeführt werden», heisst es auf der Webseite von «Sucht Schweiz». Pro Kopf seien dies im Jahr 2024 noch rund 7,6 Liter reiner Alkohol gewesen.
Doch auch bei Bieren und Spirituosen habe man Ähnliches festgestellt, sagt Silvio Strotz: «Der Bierkonsum, insbesondere jener von Craft-Bieren, ist stark zurückgegangen. Aber dennoch nicht so stark wie der Konsum von Spirituosen.» Die Nachfrage nach Rum, Gin und Vodka habe extrem nachgelassen: «Das Einzige, was nebst unseren eigenen Schnäpsen noch die Stange hält, ist der Grappa.»
Diese Entwicklungen würden sich auch im Sortiment des Getränkehandel bemerkbar machen, erklärt Silvio Strotz: «Alkoholfrei ist im Trend. Jede Brauerei macht mittlerweile auch mindestens ein alkoholfreies Bier.» Doch nicht nur bei den Produkten hätte sich in den letzten Jahren einiges getan, sondern auch bei den Konsumenten: «Spannend ist auch, dass bei den Jungen der Alkoholkonsum deutlich zurückgeht.» Dies liege wohl einerseits an einem durch angesagte, alkoholfreie Trend-Getränke verändertes Konsumverhalten, habe wohl aber auch mit gesetzlichen Vorgaben zu tun, ist Silvio Strotz überzeugt: «Denn heute gilt bei Neulenkern 0,0 Promille in einer dreijährigen Probezeit.»
Auch bei den Weinen sei der Trend festzustellen, denn gebe es immer mehr alkoholfreie Produkte. Doch diese würden geschmacklich noch nicht so nahe ans Originalprodukt herankommen, wie es bei den Bieren der Fall sei. «Alkoholfreie Weissweine gehen einigermassen, doch von den Rotweinen kannst du keinen trinken», sagt Silvio Strotz, der für die Weinabteilung zuständig ist. Da bei den Roten tatsächlich kein einziger an einer Degustation überzeugt habe, seien bisher nur drei alkoholfreie Weissweine, ein Rosé und ein Sparkling-Wein ins Angebot aufgenommen worden.
Degustation gefragt
Das Stichwort «Degustation» ist für Getränkeabholmärkte von grosser Bedeutung, denn sei es wesentlich für den Mehrwert, den man liefere, sagt Silvio Strotz: «Bedienung und Beratung zeichnen einen Getränkehandel aus. Deshalb wurde alles, was hier drin im Laden steht, schon einmal von jemandem von unserem Team probiert». Gemeint sind damit nicht nur die verschiedenen Obstsäfte und Softdrinks, sondern auch jeweils rund 600 verschiedene Weine und Biere und rund 350 verschiedene Spirituosen. Bei dieser Vielfalt an verschiedenen Produkten die richtige Auswahl fürs Sortiment zu treffen, sei jeweils nicht nur wegen der Menge eine Herausforderung: «Ich muss extrem aufpassen, dass ich nicht nur meinen Geschmack berücksichtige. Denn eigene Vorlieben sollten bei der Wahl der Produkte keine Rolle spielen.»
Zweimal im Jahr wird auch neu sortimentiert, was dazu führe, dass gewisse Produkte aus dem Angebot fallen und rund 30 bis 40 neue dazukommen würden. Und dies sei immer auch mit viel Degustieren verbunden, sagt Philip Koenig, der eigentlich zuständig für die Spirituosen ist, aber auch regelmässig «Vorarbeit» für die Kunden bei anderen Getränken leistet: «Vor der letzten Sortimentierung haben wir 45 alkoholfreie und rund 150 normale Biere probiert. Ins Sortiment aufgenommen haben wir dann nur 4 alkoholfreie und rund 25 normale Biere.»
Da in den letzten Jahren bei den Grossanbietern nicht nur das Bier-Angebot extrem gewachsen sei, sondern man auch sonst in vielen Sparten des Getränkehandels Konkurrenz erhalten habe, wolle man nach Auswertung der Umfrage nun das Angebot noch etwas ausbauen – insbesondere bei Bieren mit und ohne Alkohol. Doch vor allem wolle man sich die wichtigste Erkenntnis der Umfrage zu Herzen nehmen und durch die Regionalität die Nähe zur Kundschaft weiter pflegen, sagt Silvio Strotz: «Es soll bei uns Produkte geben, die du im Aldi, Coop, Denner und Lidl nicht bekommst. Und auch wenn wir mit Sicherheit nicht jeden Kundenwunsch erfüllen können, haben wir garantiert immer eine gute Alternative parat.»
Von David A. Giger