18.06.2026 08:34
Das originale Multikulti-Fest
Am vergangenen Samstag fand bereits zum 25. Mal das Nationenfest Romanshorn statt. Was einst als kleine, religiöse Veranstaltung ins Leben gerufen wurde, hat sich in einem Vierteljahrhundert nicht nur zu einem beliebten Treffpunkt für den Austausch unter vielen verschiedenen Nationen entwickelt, sondern hat auch Nachahmer auf den Plan gerufen.
Romanshorn Am Ursprung des Nationenfests stehen Bemühungen der «Ausländergruppe» des katholischen Pfarreirats, Christen unterschiedlicher Herkunft zusammenzubringen. Da beim ersten Nationenfest im Jahr 2000 gerade einmal vier Nationen dabei waren, wurde aus dem «katholisch» jedoch bald «interreligiös», sagt Manuel Bilgeri: «Das Fest ist schnell gewachsen. Und als die Türkei dazustiess, wurde aus dem zum Fest gehörenden Gottesdienst mehr eine Besinnung.»
Mittlerweile nehmen 25 verschiedene Länder am Nationenfest teil und sorgen dafür, dass zumindest einmal im Jahr an der Hafenpromenade in Romanshorn nicht nur mediterranes Ambiente herrscht, sondern auch kulinarisch und kulturell südländische Lebensfreude zelebriert wird.
Farbenfrohes Miteinander
Der Wind weht ununterbrochen und in starken Böen, als am Samstagnachmittag gegen 15 Uhr das Bühnenprogramm des 25. Nationenfests gestartet wird. Die Sonnenschirme der Festbankgarnituren im Herzen der Veranstaltung auf der Hafenpromenade halten der kräftigen Brise jedoch Stand und bieten den schon zahlreich anwesenden Gästen Schutz vor der sommerlichen Sonne. Einzig die Beschilderung der einzelnen Verpflegungsstände ist nicht für solches Wetter konzipiert, denn einzelne laminierte A4-Blätter, mit jeweils einem Grossbuchstaben darauf gedruckt, landen auf den Stoffdächern und führen so unfreiwillig zu einem Rätselplausch. «HELAND» und «SILEN» dürften jedoch nur den Wappenunkundigen für einen Moment ins Grübeln bringen, denn die dominierenden Farben «blau und weiss» und «gelb und blau» an den Ständen deuten eindeutig Richtung Griechenland und Brasilien.
Bei Orange wird die Angelegenheit jedoch etwas schwieriger, denn die Farbe kann nicht eindeutig einem Wappen zugeschrieben werden. Und obwohl Holland zum ersten Mal auch am Nationenfest vertreten ist, ist die knallorange Weste kein «Oranje-Fanshirt», sondern viel mehr das Tenue des Organisators am Nationenfest. «Ich trage die Warnweste, damit ich gut sichtbar bin», sagt Manuel Bilgeri, der seit 20 Jahren mit von der Partie ist am Nationenfest und ihm seit 2014 als Präsident vorsteht. Stöff Sutter habe damals einen Nachfolger für die Moderation des Events gesucht und so sei er als Moderator in die Sache hereingerutscht und nicht mehr losgekommen. «Es ist immer ein riesiger Aufwand und braucht viele Nerven. Doch wenn man sieht, wie friedlich zusammen gefeiert wird und was für eine Freude am Fest versprüht wird, dann ist all das vergessen», sagt Manuel Bilgeri.
Durch und durch sozial
Obwohl Uneingeweihte aufgrund der vielen farbigen Trikots, Trachten und Länderfahnen denken könnten, dass hier am Bodenseeufer ein Public Viewing oder eine WM-Party stattfindet, ist dem nicht so. «Wir haben definitiv nicht so teure Preise wie WM-Veranstaltungen», meint Manuel Bilgeri. Die Preispolitik, die darauf abziele, Essen und Getränke für alle Budgets erschwinglich zu machen, sei schon immer ein wichtiger Teil der Philosophie des Nationenfests gewesen, erklärt der Präsident: «Mittlerweile gibt es überall Streetfoodfestivals. Dort zahlt man schnell einmal 20 Franken für ein Gericht, was bei uns unmöglich wäre, da hier nichts mehr als 9 Franken kosten darf.» Zudem müsse auch jede Nation mindestens ein Gericht anbieten, von dem man eine halbe Portion bestellen könne. Denn schliesslich wolle man auch die kulinarische Neugier fördern und Gäste ermuntern, möglichst viele der angebotenen Leckereien zu kosten. «Streetfoodfestivals sind für mich etwas Kommerzielles. Bei uns werden Essen und Trinken immer noch als etwas Soziales angesehen», meint Manuel Bilgeri.
Friedliches Beisammensein
Diese Regeln für das kulinarische Angebot seien die einzigen Regeln, die in Stein gemeisselt seien – alles andere stehe jedes Jahr wieder zur Debatte, erzählt Manuel Bilgeri: «Das Organisationskomitee besteht aus allen Nationen. Denn jede muss jemanden stellen, der an den drei Sitzungen im Vorfeld teilnimmt.» Entscheide würden an diesen Treffen demokratisch von der Mehrheit gefällt, was nicht nur den Zusammenhalt fördern würde: «Wir leisten nicht nur am Nationenfest selbst einen Beitrag für die Integration unserer ausländischen Mitmenschen, sondern auch durch die Organisation des ganzen Anlasses.» Und dies scheint wunderbar zu funktionieren, denn es gebe doch einige Standbetreiber, die sich schon seit vielen Jahren für das Nationenfest engagieren würden.
Dieses gemeinschaftliche Anpacken und harmonische Miteinander ist nebst der Möglichkeit, die eigene Heimat kulinarisch auf einem Teller und kulturell auf der Bühne zu präsentieren, das Wichtigste am Nationenfest, sagt Manuel Bilgeri: «Mein Highlight ist darum auch ganz klar die friedliche Stimmung, die hier immer herrscht. Denn an vielen Festen muss man mittlerweile Security und Polizei vor Ort haben. Doch wir haben das im Griff und hatten noch überhaupt nie Ärger auf dem Festplatz.»
Dass entlang der Abgrenzungen des grossen Platzes an der Hafenpromenade die verschiedenen Stände der teilnehmenden Nationen und die Bühne stehen, ist darum auch nicht ein Versuch, das Festgelände nach aussen abzugrenzen. Viel mehr bilden Essensstände und Bühne den Rahmen, der um das Herzstück des Nationenfests gezogen wird, erklärt Manuel Bilgeri: «Wir treffen uns alle in der Mitte. Darum stehen alle Tische und Bänke ganz bewusst im Zentrum des Festplatzes.»
www.nationenfest.ch
Von David A. Giger