06.08.2026 07:39
Bundesrätin auf Heimatbesuch
Die Gemeinde Kradolf-Schönenberg hatte dieses Jahr allen Grund, den 1. August so richtig zu feiern. Denn vor 30 Jahren schlug die Geburtsstunde der Einheitsgemeinde. Für die Bundesfeier erhielt man darum hohen Besuch aus Bern. Oder wohl eher aus der Region, denn für Bundesrätin Karin Keller-Sutter war der Auftritt fast schon ein Heimspiel.
Kradolf Gerade einmal 15 Kilometer trennen Kradolf und Wil. Obwohl zwischen den Ortschaften eine Kantonsgrenze liegt, teilt man viele Gemeinsamkeiten. Insbesondere sprachlich sei man sich ähnlich, weshalb sie für einmal keine Hemmungen hatte, in ihrem Dialekt zu sprechen, meinte Bundesrätin Karin Keller-Sutter nach ihrer Festrede: «Der St.Galler-Dialekt ist noch etwas beliebter. Aber wir haben wohl trotzdem die beiden letzten Plätze in der Beliebtheitsliste der Dialekte.»
Doppelter Geburtstag
Es ist kurz vor 11 Uhr, als sich das grosse Festzelt auf dem roten Sportplatz der Primarschule Kradolf ziemlich schnell zu üllen beginnt. Obwohl der Musikverein Kradolf-Schönenberg und der Jodelclub Klein Rigi bereits seit einer Weile bemüht sind, mit ihren musikalischen Darbietungen für eine friedliche und besinnliche Atmosphäre zu sorgen, liegt doch eine Spannung in der Luft. Eine Spannung, die auch Gemeindepräsident Heinz Keller aufgrund des Ehrengasts aus der Schweizer Regierung verspürte: «Geschätzte Frau Bundesrätin, ich möchte es nicht unterlassen, ihnen herzlich zu danken, dass sie unserer Einladung gefolgt sind, von der grossen Bühne, mit unglaublich viel Verantwortung in Bern und international, in unsere kleine, aber feine Landgemeinde zu kommen.»
Grund für einen Besuch gebe es, denn könne man heute eigentlich zwei Geburtstage feiern, meinte Heinz Keller in seinen Begrüssungsworten weiter: «Einmal unsere Schweiz und das andere Mal das 30-Jahr-Jubiläum unserer wunderbaren Gemeinde.» In einem Rückblick auf das Jahr 1996 machte der Gemeindepräsident klar, wie sehr sich die Zeiten in 30 Jahren geändert hätten. Und er äusserte den Wunsch, dass in Zukunft doch nicht immer mehr reguliert und vorgeschrieben werden müsse von höheren Instanzen: «Probieren wir doch unsere Verwaltungen ein bisschen zu bremsen im Erstellen von Vorschriften und Vorgaben. Denn umsetzen müssen es immer wir in den Gemeinden – und uns hilft dann ja auch niemand.»
Dennoch sei die Schweiz noch immer ein kleines Paradies auf dieser Welt – und dies nicht ohne Grund: «Ganz am Anfang in unserer Bundesverfassung steht 'im Namen Gottes'. Dies ist vielleicht aktuell nicht mehr so modern, aber immer noch zentral, würde ich meinen.»
Der Schweizerpsalm
Schliesslich stand der Höhepunkt der Bundesfeier auf dem Programm und Heinz Keller übergab das Wort an Bundesrätin Karin Keller-Sutter. Diese dankte in ihren Begrüssungsworten Ständerat Jakob Stark für die mit Überzeugung ausgesprochene Einladung und sorgte mit ihren Ortskenntnissen und ihrer Beobachtungsgabe bereits für die ersten Lacher. Doch bald schon leitete sie zum Schwerpunkt ihrer Festrede über, zum Schweizerpsalm. Denn egal welche Geburtsstunde gefeiert werde – ob der Rütlischwur von 1291, die erste Bundesverfassung von 1848 oder die Entstehung des Nationalfeiertags 1891 – zum 1. August gehöre immer auch der Schweizerpsalm: «In unserer Nationalhymne steckt nämlich einiges, was unser Land ausmacht. Und ich meine damit weniger den Text, der hatte – zu Recht oder zu Unrecht – schon immer auch seine Kritikerinnen und Kritiker.»
Es gehe viel mehr um die Geschichte, wie der Schweizerpsalm zu unserer Nationalhymne wurde. Denn dass man am 1. August wie selbstverständlich dieses Lied anstimme, sei noch gar nicht so lange der Fall: «Den Schweizerpsalm gibt es zwar bereits seit 1841. Es dauerte aber 140 Jahre, bis der Bundesrat ihn 1981 offiziell zu unserer Nationalhymne erklärte.» 1961 sei er zwar bereits provisorisch eingeführt worden, doch der Bundesrat habe nicht beschlossen, ohne vorher die Kantone zu konsultieren, was die Aufgabe nicht einfach gemacht habe. Denn der Rückhalt in den Kantonen für den Schweizerpsalm habe nämlich mit der Zeit abgenommen. «Immerhin waren es 1975 nur vier Kantone, die den Schweizerpsalm 'ausdrücklich als ungeeignet betrachtet haben, und zwar sowohl textlich als auch hinsichtlich der Melodie'», sagte die Bundesrätin und machte mit ihrem breiten Lächeln klar, dass nach einer kurzen Pause noch eine Ergänzung auf die Zuhörerinnen und Zuhörer wartete: «Sie können dreimal raten, wer zu diesen vier Kantonen gehört hat: Der Kanton Thurgau.»
Wie die Geschichte der Nationalhymne zeige, würde es in der Schweiz manchmal vielleicht etwas länger dauern, bis man eine Lösung gefunden habe. Wir würden Alternativen abwägen und konsultieren, aber damit immer auch für die nötige Beständigkeit und Verlässlichkeit der Politik sorgen: «Und vielleicht ist das ja auch ein Trost für all jene, die sich manchmal einen neuen, einen etwas moderneren Text für unsere Hymne wünschen würden: Dass der Schweizerpsalm ein Sinnbild dafür ist, dass es immer wieder und gerade in der Politik auch darum geht, im Dialog Differenzen zu überwinden, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.»
Bevor die reichhaltige Festwirtschaft dann so richtig von den Gästen im vollen Festzelt gefordert wurde, sorgte noch ein anderer Gast bei einem Fast-Heimspiel für Unterhaltung. Und auch der in Hefenhofen aufgewachsene Komiker Kiko spielte seine Trumpfkarte gekonnt und zeigte, dass unser Dialekt nicht nur gut verständlich ist, sondern wir mit unserem Auftreten und dem Inhalt unserer Worte die Sympathiepunkte locker wettmachen können, die aufgrund des «Thurgauischen Klangs» unserer Aussprache auf der Strecke geblieben sind.
Von David A. Giger