26.03.2026 07:39
Als Amriswil noch einen Stadtkurs hatte
Der Auto- und Motorsportclub Oberthurgau (AMCO) feiert dieses Jahr sein 100-jähriges Bestehen. Obwohl die Hochblüte des Vereins, in der sogar Strassenrennen in Amriswil veranstaltet wurden, bereits einige Jahrzehnte zurückliegt,
Amriswil Der AMCO wird diesen Samstag im Pentorama Gastgeber der 99. Delegiertenversammlung des Schweizerischen Auto- und Motor-radfahrer-Verbands sein. Die Lokalität wurde nicht zufällig gewählt, denn der AMCO feiert dieses Jahr sein 100-Jahr-Jubiläum, erklärt Präsident Felix Indergand aus Biessenhofen: «Wir wurden 1926 unter dem Namen Motorclub Oberthurgau gegründet – 1963 kamen dann das 'Auto' und der 'Sport' dazu.»
Rennen mitten in der Stadt
Man stelle sich einmal vor, dass Mitten in Amriswil die Strassen gesperrt sind, weil gerade ein Motorrad-Rennen stattfindet, das an jenes in Monaco in der Formel 1 erinnert. Ein Rundkurs im Herzen der Stadt, der Spektakel bietet wie kein Fasnachtsumzug dies jemals tun könnte! Eine Vorstellung, die heute so realitätsfremd wirkt, dass einem ein Jahrhundert wie eine Ewigkeit vorkommt.
Für Felix Indergand aus Biessenhofen sind diese Strassenrennen jedoch vielmehr als reine Vorstellung. Denn obwohl es nicht viele Zeitzeugnisse von anno dazumal gibt wie das rechts abgebildete Foto, muss er als Präsident des Auto- und Motorsportclubs Oberthurgau (AMCO) doch nostalgisch auf jene Zeiten der Hochblüte des Motorsports zurückblicken. «Von 1934 bis 1937 führte der Motorsportclub Oberthurgau Rundstrecken-Rennen in Amriswil durch. Die Strecke war ein Dreieckskurs, der die Kirchstrasse, Poststrasse und Rütistrasse umfasste», erzählt Felix Indergand bei einem Gespräch in seiner Küche.
Es sei ein riesiges Spektakel gewesen, denn schon damals hätten Tausende von Zuschauern den Strassenrand gesäumt. Vieles habe sich jedoch im Jahr 1955 geändert, als sich während des 24-Stunden-Rennens von Le Mans die schwerste Katastrophe im Motorsport ereignete, die 84 Menschen das Leben kostete: «Im selben Jahr wurde ein gesamtschweizerisches Rundstreckenverbot erlassen, dass den Verein zwang, nach Alternativanlässen zu suchen. Gefunden hat man diese schliesslich in Brennstoff-Konkurrenzen und Schnitzeljagden.»
Um was es sich bei einer Brennstoff-Konkurrenz handelt, ist auf der Front der Zeitschrift «Motor und Sport» vom 19. Juni 1946 zu erfahren. Dort wird darauf hingewiesen, dass «der Brennstoff zur Zeit leider immer noch den Verhältnissen entsprechend unverschämt teuer ist und sehr wohl eine weitere Herabsetzung vertragen könnte.» Deshalb sei es auch im Sinne jedes Fahrzeugbesitzers, eine Maschine zu besitzen, die so wirtschaftlich wie möglich arbeite. «Ein untrüglicher Gradmesser für die Feststellung der Wirtschaftlichkeit eines Motorfahrzeugs bildet die Brennstoff-Konkurrenz, die eigens geschaffen wurde, um zu erfahren, welche Leistung ein Motor bei einem bestimmten Quantum Brennstoff zu vollbringen vermag», heisst es weiter. Bei den gegenwärtigen Spritpreisen könnte man sich wohl überlegen, ob eine Wiederbelebung dieses Wettbewerbs, bei dem nicht Höchstleistung, sondern Wirtschaftlichkeit im Vordergrund steht, nicht Sinn machen würde.
Vom Asphalt auf die Wiese
Aufgrund des Rennstreckenverbots wurden in den Jahren 1956 und 1957 erstmals Veranstaltungen im Geschicklichkeitsfahren im Tellenfeld ausgetragen. Und ein Jahr später schlug dann die grosse Stunde des Anlasses, der bis heute für Motorsport im Oberthurgau steht. «1958 führte der Motorclub Oberthurgau das erste Motocross Amriswil in der Kiesgrube Oberau, die auch Sandberg genannt wurde, durch», erzählt Felix Indergand. Die folgenden vier Jahre sei dann der Tellen der Austragungsort gewesen, bevor der damalige Bauboom auch diese Strecke verunmöglicht habe. «1963 konnte die Veranstaltung nicht durchgeführt werden, da der nun AMCO heissende Verein zuerst ein neues Gelände finden musste. Dieses fand er schliesslich 1964 in der Bürglen, wo bis heute das Motocross Amriswil zu Hause ist», erklärt der AMCO-Präsident, der seit 22 Jahren im Amt ist.
Nebst diversen Trials, der Motorsportdisziplin, bei der es um Geschicklichkeit und Präzision geht, veranstaltete der AMCO auch diverse Superlottos in der alten Festhütte und danach im Pentorama. Grund für die erste Ausführung im Jahr 1994 sei das schlechte Wetter im Vorjahr gewesen, dass eine Durchführung der Veranstaltung verunmöglicht habe, sagt Felix Indergand: «Das Supperlotto war als Starthilfe fürs Motocross Amriswil 1994 gedacht, da die Absage im Vorjahr ein Loch von rund 30'000 Franken in der Kasse hinterliess.»
Eigentlich müsste darum der AMCO im speziellen Jubiläumsjahr wieder ein Superlotto veranstalten, denn auch letztes Jahr musste die Veranstaltung abgesagt werden. «Es war erst die zweite Absage nach 1993. Doch am Donnerstagnachmittag war der Rennpark dermassen unter Wasser, dass uns keine andere Wahl blieb», erklärt Felix Indergand, der mit dem Motocross Amriswil eine ganz spezielle Verbindung hat. Denn wie die meisten im Verein sei auch er durch seine Aktivzeit in das Ämtli hereingerutscht: «Ich fuhr zuerst Solo, dann Seitenwagen. 1988 und 1994 bin ich mit meinen Partnern Schweizermeister geworden.» Damals sei Amriswil noch eine Hochburg im Seitenwagen-Sport gewesen. Doch auch diese Zeiten hätten sich geändert: «Früher war es kein Problem, ein ganzes Feld von 30 Gespannen zusammenzukriegen. Heute haben wir Mühe, 15 zu finden.»
Nachwuchs gesucht
Doch nicht nur bei den Seitenwagenrennen gibt es ein Nachwuchsproblem, sondern auch im AMCO selbst, erklärt der 60-Jährige gelernte Mauer: «Auch wir veralten wie viele anderen Clubs. Und es gibt immer weniger Menschen, die bereit sind, Fronarbeit zu leisten – denn auch ich wäre nicht unfroh, wenn wir bald einen neuen Präsidenten hätten.» Doch diese Rechnung hat der gerade in die Frühpension entlassene Motorsport-Fan wohl ohne seine Clubmitglieder gemacht, denn viele meinen, dass er jetzt erst recht Zeit habe. Doch Felix Indergand würde gerne den «Lenker» an die nächste Generation übergeben, damit etwas frischer Wind in den Club reinkommt: «Heute 'schnorren' die Alten nicht mehr so rein, wie sie es früher taten. Wir wollen die Jungen gerne ihr eigenes Ding machen lassen.»
Darum sei jeder Fan von Motocross oder Motorsport herzlich willkommen im AMCO. Und wer sich zuerst noch ein eigenes Bild des Aushängeschilds des Vereins machen will, der hat wieder am vierten Sonntag im September Gelegenheit dazu. Ob es dann nebst dem Spektakel auf der Piste auch ein grosses Jubiläumsfest geben wird, ist jedoch alles andere als sicher. Felix Indergand wäre jedoch mit Sicherheit bereit, noch ein paar Stunden mehr im Frondienst anzupacken, wenn jemand die Initiative übernehmen und ein OK auf die Beine stellen würde. Denn der AMCO ist für ihn nicht einfach nur ein Verein, sondern ein gelebtes Kulturgut: «Wir konnten dank Sponsoren und der Landbesitzer etwas Tolles auf die Beine stellen, das den Motorsport von seiner besten Seite zeigt. Darum wäre es extrem schade, wenn diese Tradition nicht weitergeführt werden könnte.»
www.amcoberthurgau.ch
Von David A. Giger