19.03.2026 07:45
223 Tonnen schweres Museumsstück
Im Papieri Areal in Bischofszell steht eine Maschine, die so gross und schwer ist, dass einst extra für sie eine Halle gebaut werden musste. Die 37 Meter lange und 223 Tonnen schwere Papiermaschine PM1 ist ein Relikt aus Zeiten, in denen die Grösse der Fortschritte in der Industrialisierung nicht selten in der Grösse einer neuen Erfindung Ausdruck fand.
Bischofszell Wer die architektonisch ansprechende Halle an der Fabrikstrasse 26 das erste Mal betritt, der macht erst einmal grosse Augen. Denn obwohl die aus Beton und Backstein gebaute und mit riesigen Fenstern versehene Halle schon selbst ein Schmuckstück ist, steht vor einem plötzlich ein fast 40 Meter langes eisernes Monster, dessen Gerüst mit unzähligen Ketten, Rädern und Zylindern gefüllt ist. «Bis 1992 wurde hier Papier produziert und in die ganze Welt geliefert», erklärt Christoph à Wengen, der seit Kurzem Präsident des Vereins Industriekultur Bischofszell-Hauptwil ist.
Ein riesiges Industriedenkmal
Beim eisernen Monster handelt es sich um die Papiermaschine PM1, die 1928 in einer generalstabsmässigen Übung geliefert wurde und 1929 ihren Betrieb aufgenommen habe. «Die Maschine ist dann 62 Jahre lang gelaufen. Und dies mehrheitlich durchgehend, sprich von Montagmorgen 7 Uhr bis Samstagabend 19 Uhr», erzählt Christoph à Wengen. Das Spezielle an der Maschine sei jedoch nicht ihre Grösse gewesen, sondern die vielfältige Einsetzbarkeit: «Mit ihr konnte man feinstes Seidenpapier bis hin zu dickem Karton produzieren, sprich Papier mit einem Gewicht von 28 bis 750 Gramm pro Quadratmeter.»
Sogar in den Kriegsjahren wurde in der Carton- und Papierfabrik G. Laager produziert, denn Papier aus dem «sicheren Hafen» Schweiz sei damals weiterhin gefragt gewesen. Im Jahr 1992 war dann endgültig Schluss mit der Papierproduktion. Doch nur ein Jahr später wurde bereits der Verein «Historische Papiermaschine Bischofszell» gegründet, der im März 2000 mit dem «Verein für Industriekultur Hauptwil-Bischofszell» fusionierte und den jetzigen Verein bildet: «Der neu entstandene Verein setzt sich ein für die Erhaltung industriehistorischer Kulturgüter, die besondere Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung der Region Bischofszell-Hauptwil hatten.» Der siebenköpfige Vorstand des Vereins kümmert sich darum nicht nur um die Instandhaltung der PM1, sondern ist auch für den Industrielehrpfad verantwortlich.
Lärmige Attraktion
Die PM1 funktioniert eigentlich nach dem gleichen Prinzip wie das Papierschöpfen von Hand, erklärt Christoph à Wengen: «Der Papier-Stoffbrei aus Cellulosefasern und Wasser wird mit einem Faseranteil von nur einem Prozent auf einem Sieb ausgebracht. Nach dem Abtropfen und Absaugen des Wassers wird die Papierbahn gepresst, getrocknet und am Schluss aufgerollt.» Dies alles geschehe bei einer Produktionsgeschwindigkeit von etwa zwei Metern pro Sekunde: «Würde man die ganze auf der PM1 je produzierte Papierbahn zusammenhängen, ergäbe sich eine Länge von 2,3 Millionen Kilometer. Das entspricht dreimal der Strecke von der Erde zum Mond – und zurück!»
Dass sich der gelernte Architekt so für die Papiermaschine begeistern kann, liegt nicht nur an der produzierten Menge Papier und an der architektonisch interessanten Halle, in der sie untergebracht ist. Vielmehr scheint es die erste Begegnung mit der monströsen Maschine gewesen zu sein, die ihm den Ärmel reingezogen hat: «Ich bin mit meiner Familie 1985 an die Sonnenstrasse gezügelt, die ganz in der Nähe liegt», erklärt Christoph à Wengen und zeigt von der Halle aus gen Osten: «Von dort kannst du die Halle zwar nicht sehen, aber die Maschine hören.»
Da er dazumal jedoch noch nicht wusste, woher der Lärm stammte, habe er in einer warmen Sommernacht entschlossen, dem Rätsel auf die Spur zu gehen: «Um 23 Uhr machte ich mich auf die Suche und stand plötzlich vor dieser Halle, aus deren geöffneten Türen der Lärm kam.» Er habe sich dann ins Innere gewagt und sei dort auf zwei Arbeiter getroffen, die aufgrund der drinnen herrschenden Hitze nur leicht bekleidet waren. Diese hätten ihm erklärt, um was es sich bei dieser an eine Dampflokomotive erinnernden Maschine handle und was ihre Aufgabe sei, erinnert sich Christoph à Wengen: «Von dem Moment an hat mich der Lärm nicht mehr gestört.»
Interessanter Sonntagsausflug
Wer dieses Ungetüm eines Industriedenkmals einmal live erleben will, hat von April bis Oktober jeweils am ersten Sonntag des Monats Gelegenheit dazu. Zwischen 14 und 17 Uhr werden dann nicht nur Führungen angeboten, sondern die PM1 wird auch wieder zum Leben erweckt. «Sie läuft aber nur trocken», erklärt Christoph à Wengen nachdem er die riesige Anlage in Betrieb gesetzt hatte. Dies nicht, weil sie kein Papier mehr produzieren könnte. Sondern schlicht und einfach, weil niemand aus dem Verein nochmals Lust auf einen ähnlichen Einsatz hat wie nach der letztmaligen Papierproduktion: «Ein Dutzend von uns war damals viele Samstage lang am Putzen.»
www.papiermaschine.ch
Von David A. Giger